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Update: 18.09.2018, 17:48 Uhr

Sedlaczek am Mittwoch

Die Politik ist kein Mädchenpensionat




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Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • SPÖ-Chef Christian Kern verwendete im ORF-"Sommergespräch" eine Redewendung, die als sexistisch eingestuft wurde. Zu Recht?

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter:www.wienerzeitung.at/sedlaczek

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter:www.wienerzeitung.at/sedlaczek Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter:www.wienerzeitung.at/sedlaczek

Der Wirbel im Internet war nicht so groß, wie es das Boulevardblatt "Österreich" darstellte. Aber immerhin: Der Satz war angeblich nur kurz auf der Website der SPÖ zu finden - dann wurde er gelöscht.

Was war geschehen? Kern war zu seiner Kritik am Sprachstil der Regierung und zu seiner eigenen Wortwahl als Oppositionspolitiker befragt worden und sagte: "Politik ist kein Mädchenpensionat." Dazu konnte man auf der oe24-Website lesen: "In Zeiten der #metoo-Kampagne und nach dem Sexismus-Skandal sowie dem daraus resultierenden ÖVP-Rausschmiss von


Efgani Dönmez halten viele User die Wortwahl des Ex-Kanzlers für ungünstig." Damit war die Empörung quasi bestellt.

Dabei ist die Redewendung recht alt und sie wurde von Politikern häufig verwendet. "Eine Partei ist kein Mädchenpensionat", meinte Willy Brandt 1968 in einem "Spiegel"-Interview angesichts heftiger Debatten in der SPD. Der Freiheitliche Harald Ofner sagte einmal im Nationalrat, dass das Bundesheer kein Mädchenpensionat sei - man solle nicht gleich jede kleinere Beschwerde
auf die Waagschale legen.

Um die Redewendung nicht nur gefühlsmäßig zu verstehen, muss man sich mit der Frühphase unseres Bildungssystems beschäftigen. Als Mädchenpensionate bezeichnete man Erziehungsanstalten, die mit kaiserlicher Unterstützung als Gegenpol zum öffentlichen Schulwesen gegründet wurden. Mit Pension war das Kostgeld bzw. Schulgeld gemeint. Das k.k. Civil-Pensionat Wien wurde 1786 errichtet und war anfangs im Kloster der Ursulinen in der Annagasse untergebracht. Vor allem die Töchter von niederen Offizieren und von Beamten sollten dort zu Erzieherinnen und Lehrerinnen ausgebildet werden. Die Pensionate hatten bald den Ruf, sittenstrenge Frauen mit elitärer Gesinnung hervorzubringen. Die Kost sollte möglichst einfach sein, die Mädchen durften nur paarweise durch die Gänge der Schule gehen und es war ihnen verboten, ein Buch ohne Erlaubnis der Obervorsteherin zu lesen. Der Satz "Die Politik ist kein Mädchenpensionat" bedeutet also: Dort geht es zwangsläufig
recht wild zu.

Schwieriger zu deuten war der Knie-Sager von Efgani Dönmez. Der frühere Grün-Politiker, der über die türkise Liste in den Nationalrat gekommen war, beantwortete auf Twitter die Frage eines Users, wie eine Berliner Staatssekretärin der SPD zu ihrem Amt gekommen sei, so: "Schau dir mal ihre Knie an, vielleicht findest du da eine

Antwort."

Der Hintergrund ist so pikant, dass die Qualitätszeitungen nur ganz vorsichtig die Redewendung erklärten. Am deutlichsten wurde Heinz Sichrovsky letzten Sonntag in der "Krone". Er schlug in dem Internet-Wörterbuch "Urban Dictionary" nach, und fand heraus, dass im amerikanischen Slang mit "knee" ein "blow job" gemeint ist. Dönmez warf also der bekennenden Muslimin mit palästinensischen Wurzeln vor, sie sei nur deshalb Staatssekretärin geworden, weil sie in knieender Position Männer oral befriedigt hatte. Seine späteren Interpretationen und Rechtfertigungen halte ich für wenig glaubwürdig. Ob Dönmez die Wendung aus dem Amerikanischen entlehnt hat oder ob sie seinen Männerfantasien entsprungen ist, bleibt ungeklärt.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-11 16:24:14
Letzte Änderung am 2018-09-18 17:48:13


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