• vom 12.09.2018, 16:11 Uhr

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Update: 18.09.2018, 17:39 Uhr

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Von Walter Gröbchen

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  • Sich bei Facebook über ein Missverständnis zu beschweren, ist so sinnvoll wie ein Anruf im Salzamt.



Ich hätte aktuell eine Bitte. Ein leicht peinliches Begehr. Ich bitte darum, es nicht für Überheblichkeit, Übellaunigkeit oder zumindest grobe Unhöflichkeit zu halten, sollte ich in den nächsten Wochen nicht auf eine Facebook-Anfrage antworten. Ich kann es nämlich nicht. Nicht mehr, seit wenigen Tagen, kommunikationstechnisch betrachtet. Facebook hat mich gesperrt. Also: nicht ganz. Immerhin kann ich mich noch in meinen Account einloggen und alles sehen, was da so vor sich geht (oder zumindest jenen schmalen Ausschnitt der Online-Realität, den die Logarithmen mir zuweisen). Was ich nicht mehr darf - "diese Funktion ist vorübergehend blockiert" -, ist etwas schreiben, kommentieren oder liken. Selbst jenen, die besorgt anklopfen und Fragen wie "Bist Du zum Einsiedlermönch mit Schweigegelübde geworden?" oder gar "Lebst Du noch?" stellen, kann ich nicht antworten. Es ist, als säße ich in einem schalldichten Glaskasten, verdammt zu einer rein passiven Voyeurs-Existenz. Was ist passiert? Ich erzähle Ihnen die Geschichte. Sie ist eher unspektakulär. Am Donnerstag der vergangenen Woche starb Burt Reynolds. Der US-Schauspieler hatte mit 82 Jahren einen Herzstillstand erlitten. Nicht jeder wird sich an den alten Hollywood-Haudegen erinnern, aber einige der Filme, in denen er eine Rolle spielte - etwa "Deliverance" oder "Boogie Nights" -, sind Legende. Zugleich hat Reynolds es zum Sexsymbol einer ganzen Generation geschafft, als er 1972 für das Magazin "Cosmopolitan" posierte - nackt, mit Zigarette und frechem Grinsen, dicht körperbehaart und auf einem Bärenfell drapiert. Das erste männliche Centerfold der Mediengeschichte - ein ikonisches Foto. Pornografisch ist es, mit Verlaub, nicht: Seinem Schniedelwutz hält Burt elegant die Hand vor. 1,4 Millionen Exemplare, die komplette Auflage jener "Cosmopolitan"-Ausgabe, waren ausverkauft - und angeblich wurde sogar die Gründung von "Playgirl" (das Gegenstück zum notorischen "Playboy") dadurch inspiriert. Gut, das war vor mehr als 45 Jahren. Die Zeiten sind kritischer, feministischer und, ja, auch deutlich prüder geworden - kein Verleger würde heute mehr ein pofelndes, laszives Macho-Mannsbild ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken. Aber nicht nur Quentin Tarantino, der mit Reynolds noch einen Film drehen wollte, sah in exakt jenem Foto eine für ewig festgehaltene, hochkonzentrierte Fantasie. Auch tausende mehr oder minder Trauernde fischten nach der Nachricht des Todes des Schauspielers dieses Hollywood-Heiligenbildchen aus dem Netz, um es als Erinnerung zu teilen. Darunter, erraten, ich.

Aber ich hatte nicht mit der Zensurabteilung von Facebook gerechnet. Das Foto entspräche nicht den "Gemeinschaftsstandards" der Social-
Media-Plattform. Hoppla! Und schon war ich für 30 Tage blockiert. "Sollten wir Deiner Meinung nach einen Fehler gemacht haben, dann teile uns das mit", wurde mir immerhin beschieden. Aber von Burt Reynolds, seiner cinematografischen und popkulturellen Bedeutung und der unverklemmten Aufgeschlossenheit seines Publikums wollte man auch auf Nachfrage nichts wissen im Zuckerbergwerk. "Fall geschlossen", danke für die Mitteilung. "Anfragen wie Deine helfen uns dabei, noch besser zu werden." Ach, nein.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-12 16:21:17
Letzte Änderung am 2018-09-18 17:39:15


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