• vom 15.09.2018, 11:00 Uhr

Glossen


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Musik für Blusen und Schals




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Von Hans-Paul Nosko


    Hans-Paul Nosko, geboren 1957, hat Rechts- und Staatswissenschaften studiert und lebt als Journalist und Glossist in Wien.

    Hans-Paul Nosko, geboren 1957, hat Rechts- und Staatswissenschaften studiert und lebt als Journalist und Glossist in Wien. © Robert Newald Hans-Paul Nosko, geboren 1957, hat Rechts- und Staatswissenschaften studiert und lebt als Journalist und Glossist in Wien. © Robert Newald

    Als ich unlängst an einem Damenmodengeschäft vorbeiging, drang die Stimme von Amy Winehouse auf die Straße, die gerade "Me & Mr Jones" sang. Ein tolles Lied, das von einer unmöglichen Beziehung handelt und aufgrund seines Inhalts - es geht um Ehebruch - in den USA Geschichte schrieb, vorgetragen von einer wunderbaren Sängerin, die auf ihr Publikum eine ganz eigene Faszination ausübte. Und jetzt eben als Hintergrundmusik vor Blusen und Schals.

    Ich weiß schon, dass es in diesem Zusammenhang darum geht, die Kunden, hier die Kundinnen, in Kaufstimmung zu versetzen. Dafür steht inzwischen ein reichhaltiges Repertoire zur Verfügung: Angefangen bei der passenden Beleuchtung über einen kaum merklichen Duft bis hin eben zu einer geeigneten dezenten Beschallung. Mit der Auswahl und Bereitstellung derartiger Mittel - "Neuromarketing" genannt - verdient heutzutage eine Menge von Unternehmen ordentlich viel Geld. Erst kürzlich ließ eine deutsche Firma, die Zusammenstellungen von Musiktiteln zum Zwecke der Verkaufsförderung anbietet, per Presseaussendung wissen: "Wir empfehlen möglichst unauffällige Wohlfühlmusik".

    Eine Diktion, die mich stark an einen Ausspruch des längst verstorbenen deutschen Komponisten (und Big-Band-Leaders) Bert Kaempfert erinnert. Dieser hatte sich nach eigener Aussage einer Musik verschrieben, "die nicht stört". Er meinte damit allerdings das Vorhaben, abseits von überlautem Gesang, jaulenden E-Gitarren und Schlagzeugeinsätzen an der Schmerzgrenze seine Zuhörerschaft durch wohlklingende Arrangements in eine angenehme Stimmung zu versetzen.

    Was ihm mit Stücken wie "Strangers In The Night" oder "Spanish Eyes" unzweifelhaft auch gelang: Ob in den Sechzigern vom Orchester einer Tanzbar intoniert oder von Frank Sinatra gesungen - für Freunde dieses Genres waren solche Songs ein echter Genuss.

    Was Kaempfert nicht vorhatte, war, unverbindliches Hintergrundgesäusel unter das Volk zu bringen, wie man es allerorten zu hören bekommt. Die Amerikaner nennen es treffend "Elevator music", weil Hotelgäste damit regelmäßig in Aufzügen beglückt werden. In manchen Esslokalen vernimmt man eine solche Musik, besonders dann, wenn die Unterhaltung gerade ins Stocken gerät, und sogar auf der Toilette begleitet sie die Gäste bei ihren Verrichtungen.

    Das ist an sich nicht weiter schlimm, weil es - ohne die künstlerische Eleganz einer Kaempfert-Komposition zu erreichen - meist nicht unangenehm auffällt. Anders in Supermärkten: Wer hoch konzentriert versucht, in möglichst kurzer Zeit die imaginäre Einkaufsliste abzuarbeiten, kann bei einer nervigen Mischung aus Schlagern und Werbedurchsagen ganz schön ins Trudeln kommen. Da schaltet man am besten auf Durchzug.

    Aber die herrliche Stimme von Amy Winehouse als Berieselung im Kleidergeschäft - das ist fast so, als ob man einen Stefan Zweig auf dem Wühltisch eines Bücherdiskonters entdeckte.





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-09-13 15:03:06
    Letzte Änderung am 2018-09-13 15:10:57


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