• vom 16.09.2018, 11:00 Uhr

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Attrappe vs. Sarrazin




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Von Andreas Wirthensohn


    Andreas Wirthensohn, geboren 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

    Andreas Wirthensohn, geboren 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München. Andreas Wirthensohn, geboren 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

    Eigentlich, so hört man allerorten raunen, liest doch eh niemand mehr Bücher. Viel zu anstrengend, viel zu umfangreich, viel zu schwer und unhandlich (außer vielleicht leichtgewichtige Taschenbücher). Bücher? Das klingt so was von gestrig.

    Waren mit gut bestückten Bücherregalen gefüllte Wohnzimmer früher ein Ausweis von bürgerlicher Kultiviertheit und Bildung, so bildet heute eher die sündteure Küche das Renommierstübchen des Eigenheims. Wer nicht mindestens 30.000 Euro für Herd und sonstigen Kochklimbim ausgibt, muss hier gar nicht erst in den Ring steigen. Dafür herrscht in den anderen Zimmern puristische Leere - wer will sich schon mit Dingen wie Büchern beschweren, die nur Staub ansetzen und als kulturelles Kapital ständig an Wert verlieren? "Empty is the new full", könnte man in bestem Pseudo-Englisch dazu sagen.


    Nicht einmal mehr im IKEA-Katalog zieren wirklich viele Bücher Billy & Co. Klar, ein paar Dinger stehen noch herum (etwa im Bücherregal Hemnes - "Robuste Schönheit, gefertigt aus Kiefer aus nachhaltiger Forstwirtschaft. Das erneuerbare Naturmaterial bekommt im Laufe der Jahre eine schöne Patina"), die von fern aussehen wie Bücher, es könnten aber auch Fotoalben oder irgendwelche Schmier- und Notizbücher sein.

    Inhaltsleere Zierde in Zeiten des Smart Home, wo man sich allenfalls von Alexa und ihren Kolleginnen Wikipedia-Artikel oder Kochrezepte vorlesen lässt. Und der Lesesessel ist zwar mindestens aus dem Hause Eames, aber darin wischt man allenfalls noch in Bequemhaltung übers Smartphone oder hält einen seligen Powernap.

    Nein, mit Büchern ist statusmäßig kein Staat mehr zu machen, nicht einmal mehr in sogenannten bildungsaffinen Schichten. Umso erstaunlicher ist, dass das Buch in schöner Regelmäßigkeit noch immer große Ängste zu wecken vermag. Ängste davor, ein Buch könne die Köpfe der Menschen verwirren und ganze Völker in den Abgrund reißen. Das war so, als vor ein paar Jahren Adolf Hitlers "Mein Kampf" neu aufgelegt wurde - wissenschaftlich zwar vorzüglich ediert und voller Kommentare, die den Originaltext förmlich einkreisten, aber das Raunen der Öffentlichkeit war trotzdem unüberhörbar. Ist dieses Buch nicht gefährlich? Geistesgift gar, das sich schleichend in die Hirne seiner Leser frisst? Lieber weg damit!

    Und so ist es immer wieder auch, wenn ein neues Buch von Thilo Sarrazin erscheint. Ende August kam "Feindliche Übernahme" in die Buchhandlungen, und wieder wispert es, ob dieses Machwerk nicht besser ungedruckt geblieben wäre, es könnte ja fürchterlichen Schaden anrichten. Da loben wir uns die IKEA-Attrappen. Die sind garantiert keimfrei.




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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-09-13 15:03:07
    Letzte Änderung am 2018-09-13 15:07:46


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