• vom 14.09.2018, 18:31 Uhr

Glossen

Update: 20.09.2018, 12:09 Uhr

Glossenhauer

Im Gestern nichts Neues




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Von Severin Groebner

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  • Wo ist es besser? Wo ist es schöner? Wo ist alles am richtigen Platz? Genau: im Früher. Ein Reisebericht aus dem Alltag.

Severin Groebner ist Kabarettist und Autor, Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne" und sein aktuelles Programm heißt "Der Abendgang des Unterlands". Spieltermine und weitere Informationen finden Sie unter: www.severin-groebner.de Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/ glossenhauer

Severin Groebner ist Kabarettist und Autor, Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne" und sein aktuelles Programm heißt "Der Abendgang des Unterlands". Spieltermine und weitere Informationen finden Sie unter: www.severin-groebner.de Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/ glossenhauer Severin Groebner ist Kabarettist und Autor, Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne" und sein aktuelles Programm heißt "Der Abendgang des Unterlands". Spieltermine und weitere Informationen finden Sie unter: www.severin-groebner.de Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/ glossenhauer

In der Bäckerei hängt ein großes Schwarz-Weiß-Foto. Es wurde schön am PC bearbeitet, trägt schicke Sepia-Töne und zeigt einen Bäcker in einer altertümlichen Backstube, der mit aufgekrempelten Ärmel mit beiden Händen den Teig bearbeitet. Das Licht fällt schräg durchs Fenster, die Schatten sind malerisch, die Konturen hart, und das ganze Bild sagt: "Hier wird ehrlich Brot gebacken! Echtes Handwerk, nahrhaft und authentisch!" Und damit alle verstehen, wie unglaublich echt das dargebotene Backwerk ist, hat man auch dieses Bild aufgehängt.

Denn sonst würde sich der Gedanke nämlich nicht unbedingt aufdrängen. Die Bäckerei ist in einem Stahlbetongebäude untergebracht, die Deckenleuchten verströmen die Heimeligkeit eines Zahnarztlabors, und in den vier elektrischen Backöfen wummern aus feinster Backmischung zubereitete Kipferln, Brezeln und Semmerln so lange vor sich hin, bis es "Piep! Piep! Piep!" macht und sie endlich von einer desillusioniert dreinblickenden Bäckereifachverkäuferin herausgeholt und in die LED-beleuchtete Vitrine geschubst werden. Kurz: Das Bild in der Bäckerei hat nichts mit der tatsächlichen Bäckerei gemein.


Doch es verströmt Heimeligkeit, Nestwärme und die Idee einer besseren Welt, die zum Greifen nah ist. Denn sie liegt nur eine Armlänge entfernt: in der Vergangenheit.

Schließlich war gestern ja noch alles gut. Die Frauen blieben daheim und durften nicht wählen. Die Kinder waren sittsam und gehorchten aufs Wort. Und wenn nicht, durfte man ihnen ungestraft eine runterhauen, dass ihnen vierzehn Tage lang der Schädel gewackelt hat. Der schwule Cousin schämte sich noch ordentlich für seine Veranlagung und erhängte sich rechtzeitig in der Scheune, ehe er Schande über die Familie bringen konnte. Was wahr und was falsch war, wusste noch der Pfarrer (und nur der), und der menschenschindende Unteroffizier war ein angesehenes Mitglied der Gesellschaft und musste sich nicht als soziopathischer Waffennarr bezeichnen lassen. Es war einfach alles besser. Auch der Arbeitstag war noch so lang, wie es einen die heutige Bundesregierung langsam wieder erträumen lässt. Denn es war Retropia. Ein wunderbares Land. Ehrlich. Echt. Erbaulich. Und unerreichbar. Aber mei, irgendwas ist immer.

Lasst uns aber dennoch nicht einknicken. Behübschen wir unsere immer unübersichtlichere, moderne Welt weiter im Retrolook, denn nichts kann heute so schön sein, dass es nicht früher besser gewesen wäre. Hängt überdimensionale Bilder von Blockhütten auf die Wolkenkratzer. Baut Drohnen in Form von Turmfalken. Beklebt die SUVs mit Bildern von Araberhengsten . . . äh, Lipizzanern. Verkleidet die Smartphones als Brieftauben mit Zeichenblock und Füllfeder. Affichiert Ölgemälde von Kaminfeuern auf die computergestützte Wärmepumpe. Hängt über jedes Abbild unseres Kanzlers ein Metternich-Porträt. Setzt altertümliche Narrenkappen auf und singt Ingeborg Bachmann paraphrasierend: "Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar. Aber bitte nicht mir!" Und dann gehen wir zu Manufactum einkaufen. Denn: Es gibt sie noch, die guten Dinge. Und wer sie sich nicht leisten kann, soll gefälligst irgendwo still verhungern.

So wie früher.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-14 17:39:08
Letzte Änderung am 2018-09-20 12:09:14


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