• vom 19.09.2018, 16:57 Uhr

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Update: 20.09.2018, 11:54 Uhr

Maschinenraum

2001: Odyssee im Alltag




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Von Walter Gröbchen

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  • Was erzählt uns ein ein halbes Jahrhundert alter Science-Fiction-Kultfilm über die Gegenwart? Antwort: allerhand!



Neulich habe ich mir - einmal mehr - einen Film angesehen, den ich schon unzählige Male gesehen habe. Wozu?, werden Sie fragen, aber bei Lieblingsfilmen, Lieblingsbüchern, Lieblingsplatten stellt sich diese Frage nicht. Man sieht, liest, hört wieder und wieder, um noch tiefer in die künstlerische Materie einzudringen. Den Konstruktionsplan des Meisterwerks verstehen zu lernen. Und Details nachzuspüren, die einem bislang eventuell verborgen geblieben sind. Das lohnt intellektuell - und bereitet zugleich un-
endliches Vergnügen, auch wenn man jeden Dialog längst mitsprechen kann. Der kinematographische Meilenstein, den ich wieder gesehen habe, gilt dem American Film Institute zufolge als der "No. 1 Science- Fiction-Film aller Zeiten". Und, ja, er beeindruckt das Publikum ungebrochen - insofern war ich gar nicht übermäßig erstaunt, dass das historische Wiener Gartenbau-Kino mit seinen 736 Sitzplätzen bis auf den letzten Platz gefüllt war. Man spielte Stanley Kubricks "2001 - A Space Odyssey" in einer neuen 70-Millimeter-Kopie, die kein Geringerer als Regisseur Christopher Nolan ("The Dark Knight", "Inception") vom originalen Kamera-Negativ gezogen hat. Ohne digitale Nachbearbeitung, modische Tricks und verfälschendes Remastering. So kann die Weltall-Odyssee nach dem Buch von Arthur C. Clarke in genau jener Qualität betrachtet werden, wie sie das Publikum vor 50 Jahren erlebt hat. Ja: Es ist tatsächlich ein halbes Jahrhundert her, dass Kubricks visionäres Filmepos in
die Kinos kam. Ich war bei
Beginn der Dreharbeiten noch
nicht einmal in der Volksschule.

Es gab auch einen professionellen Grund, sich "2001" noch einmal zu Gemüte zu führen: Die Ö1-Sendung "Diagonal" hat sich unter dem Arbeitstitel "Also sprach Stanley Kubrick" eine Überprüfung der Prophezeiungen des Films vorgenommen. Stichworte: der Ursprung intelligenten Lebens, Existenzgrundlagen in den Weiten des Alls, Transhumanismus - der Mensch als Cyborg, oder auch Künstliche Intelligenz. Wer erinnert sich nicht an den Konflikt zwischen HAL, dem Computer (eine kaum verklausulierte An-
spielung auf IBM), und den Astronauten Poole und Bowman. Letzteren kostet der Kampf Maschine gegen Mensch das Leben; HAL wird ("Ich habe Angst") abgeschaltet. Ein Sinn-
bild für das 21. Jahrhundert? Die weitere Entwicklung des Geschehens, vor allem die rätselhafte psychedelische Schlusssequenz des Films inklusive Wiedergeburt, mag mehr (pseudo-)philosophische Erörterungen provoziert haben, die technologische Komponente besitzt dagegen eine reale, zwingendere Verbindung mit der Gegenwart (die damals, vor 50 Jahren, ja noch weit entfernte Zukunft war). Weit hergeholt ist der Abgleich der einstigen Visionen Clarkes und Kubricks mit dem heutigen Alltag jedenfalls nicht. Der koreanische Elektronikkonzern Samsung berief sich anno 2011 in einem Patentstreit auf "2001": Eine Szene des Films zeigt Raumfahrer, die mit flachen Computern ohne Tastatur im Raumschiff sitzen - und damit Texte und Videos betrachten. Damit wäre die Erfindung des Tablets keinesfalls Samsungs Konkurrenten Apple zuzuschreiben. Als Filmkenner und Science-Fiction-Fan kann ich nur sagen: Volltreffer.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-19 17:06:14
Letzte Änderung am 2018-09-20 11:54:15


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