• vom 23.09.2018, 11:00 Uhr

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Update: 23.09.2018, 12:17 Uhr

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Redewendungs-
verdrehungen




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Von Irene Prugger


    Irene Prugger, geboren 1959, lebt als Schriftstellerin und freie Journalistin in Mils bei Hall in Tirol.

    Irene Prugger, geboren 1959, lebt als Schriftstellerin und freie Journalistin in Mils bei Hall in Tirol. Irene Prugger, geboren 1959, lebt als Schriftstellerin und freie Journalistin in Mils bei Hall in Tirol.

    "Es passt wie die Faust aufs Auge", sagte der Verkäufer zu mir. "Ach, Sie finden, es passt nicht?", fragte ich ein wenig enttäuscht und stellte meine blaue Untertasse, für die ich eine andersfarbige Schale gesucht hatte, zur Seite. "Doch, eben, es passt sehr gut", antwortete er. "Aber Sie sagten damit doch eigentlich, dass es nicht passt!" - "Nein, ich meinte, dass es sehr gut passt!"

    Es stimmt schon - eine Faust passt sehr gut auf ein Auge, vor allem wenn man aus dem Schlägermilieu kommt und sie im Gesicht des Gegenübers platzieren möchte. Der Verkäufer kam aber gewiss nicht aus dem Schlägermilieu, er erklärte mir freundlich, dass er diese Redewendung nur in positivem Zusammenhang verwende. Ich zweifelte. Hatte ich die Metapher immer falsch verstanden? Die Faust aufs Auge, das ist doch Brutalität pur, das kann nicht positiv aufgefasst werden, oder doch?


    Ich sah im Wiktionary nach. Bedeutung 1, umgangssprachlich: ganz und gar nicht zusammenpassen. Bedeutung 2, umgangssprachlich: wunderbar zusammenpassen.

    Die Redewendung ist demnach nicht zu gebrauchen, will man Missverständnissen vorbeugen. Ich könnte sagen, diese Erkenntnis ist mir wie Schuppen von den Augen gefallen, wenn ich wiederum wüsste, was das bedeutet. Hat man Schuppen vor den Augen? Oder fällt es einem wie Schuppen von den Augen? Und da gibt es offenbar noch die sehr eigenartige Redewendung "jemandem wie Schuppen von den Augen fallen". Was passiert, wenn ich jemandem wie Schuppen von den Augen falle? Kennt er dann plötzlich die Wahrheit über mich?

    Die erstmalig nachgewiesene Verwendung ist offensichtlich in der Bibel zu finden: "Und sogleich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen, und er konnte wieder sehen, und er stand auf und wurde getauft." Manche meinen, die Schuppen rührten daher, dass das Symbol der Christen der Fisch ist. Na ja, das klingt ein bisschen wie an der Angelschnur herbeigezogen.

    Und weil wir schon bei Redewendungen aus dem Tierreich sind: "Einen Bock schießen", so habe ich immer gedacht, müsse von Tierschützern negativ, von Jägern positiv aufgefasst werden. Dabei ist es umgekehrt, weil in der Schützensprache der "Bock" einen Fehlschuss bedeutet.

    Manche Phrasen bereiten fast körperliches Unbehagen. "Morgenstund’ hat Gold im Mund" etwa, das höchstens für Frühaufsteher unter den Zahnärzten zutrifft. Bei falschem Gebrauch der geflügelten Worte kommen aber oft lustige Redewendungsverdrehungen heraus: "Das passt auf keine Hutschnur" oder "Ich habe mich Herz über Kopf verliebt". Dieter Bohlen wird das geniale Zitat zugeschrieben: "Zwischen all den Flaschen bist du wie Orpheus aus der Asche."

    Jedenfalls ist Phrasendrescherei ein höchst komplexes Wissensgebiet und soll hier keinesfalls kleingeschrieben werden. Diesbezüglich besteht überhaupt kein Grund zur Veranlassung. Bevor man sich aber gar nicht mehr auskennt, ziehen wir jetzt lieber einen Schlusspunkt.




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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-09-20 17:42:16
    Letzte Änderung am 2018-09-23 12:17:16


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