• vom 22.09.2018, 11:00 Uhr

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Kleiner Raufbold




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Von Matthias G. Bernold


    Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

    Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien. Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

    Dann schreit er begeistert "Raufbold" und zieht mit aller Kraft an meinen Haaren. Daran erinnert, dass dies schmerzhaft sei, skandiert er "lustig!" und zieht noch fester. Kaum zu glauben, wie viel Kraft in einem Zweijährigen steckt. Besser, ihn gar nicht erst in die Haare fassen lassen. Pariert man aber seine Angriffe durch geschicktes Ablenken der kleinen Fäuste, ruft er "Nein!" und verzieht seine Brauen. Die Botschaft ist klar: "Du kämpfst nicht fair!"

    Mein Sohn hat das Raufen entdeckt. Einerseits natürlich: ein Grund, stolz zu sein. Vorbei die Tage, als er sich beim Kinderturnen von den Rüpeln in der Runde widerstandslos von Hutschpferdchen und Hüpfdrachen verdrängen ließ und lediglich kläglich schluchzte, wenn ihm eine freche Göre unverschämt die Scheibtruhe aus der Hand riss. Vorbei allerdings auch die Zeit, als er freigiebig mit anderen teilte.


    Jetzt verteidigt er sein Hab und Gut. Letzthin nahm er in der Sandkiste einen fremden Bagger in Besitz. Als der rechtmäßige Eigentümer, ein etwas größerer und stärkerer junger Mann im Kleinkind-alter, den Gegenstand zurückforderte, folgte ein sehenswertes Handgemenge.

    Mein Bub krallte sich an den Bagger und wurde schließlich vom anderen durch die Sandkiste geschleift. Die Rauferei endete mit Unentschieden, als sich - gleich einem salomonischen Urteilsspruch - Bagger und Schaufel voneinander teilten.

    Der Kontrahent begann sofort wütend zu heulen. "Bagger kaputt", kommentierte mein Sohn lapidar. Die zeitgleich mit mir herbeigeeilte Mutter des anderen Kindes blickte mich an, als sei ich ein Dämon. Dabei fühlte ich mich ohnehin schon schuldig genug.

    Mein Kind soll kein armes Hascherl sein. Aber der Vater des Bullys, vor dem sich alle anderen Kinder fürchten? Auch mit dieser Rolle hätte ich wenig Freude. Der pädagogische Ruf ist ja schnell ruiniert.

    Wie limitiert die eigenen pädagogischen Fähigkeiten sind, führt einem so ein Zwerg in der Trotzphase ohnehin mehrmals täglich vor Augen. Ein Versuch, Grobheiten spielerisch anzuprangern, war eben jener, ihn einen "kleinen Raufbold" zu heißen. Ein Wort, das er mit Begeisterung ins Vokabular aufnahm und offenbar so interpretiert, dass es als Rechtfertigung für Grobheiten genügt, auf die eigene Raufbold-Eigenschaft hinzuweisen.

    Immerhin kündigt er seine Angriffe jetzt - meistens - vorher an. Was ich wiederum nutze, um in präventiver Notwehr zu attackieren. Letzthin, wir sitzen gemeinsam im Fauteuil, bekommt er wieder diesen listigen Blick und schreit "Raufbold", worauf ich ihn blitzschnell zu kitzeln beginne.

    Wenig später schaut er mich nachdenklich an: "Papa großer Raufbold!"




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    Dokument erstellt am 2018-09-20 17:42:19


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