• vom 25.09.2018, 16:14 Uhr

Glossen

Update: 02.10.2018, 16:55 Uhr

Sedlaczek am Mittwoch

Man bringe den Spritzwein!




  • Artikel
  • Kommentare (4)
  • Lesenswert (9)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • Nur wenige Politiker werden durch ihre Bonmots unvergesslich, und nur ganz wenige kann man als Sprachschöpfer bezeichnen.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter:www.wienerzeitung.at/sedlaczek

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter:www.wienerzeitung.at/sedlaczek Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter:www.wienerzeitung.at/sedlaczek

Nun sind sie auch in Buchform erschienen, die "legendärsten Sprüche von Michael Häupl", gesammelt und kommentiert von Peter Ahorner. Viele sind in gewisser Weise politisch, manche gleichen einem politischen Bekenntnis. "SPÖler sollten wie Sozialdemokraten reden und nicht freiheitliche Mimikry betreiben." Oder: "Jedes Bett für Asylsuchende ist wertvoller als sinnlose Zurufe." Das ging an die Adresse von Hans Niessl, Landeshauptmann des Burgenlandes. "Ich habe immer gesagt, außer dem Erwin und mir weiß sowieso keiner, wo die Grenzen zwischen Wien und Niederösterreich liegen." Das war ein Bekenntnis zur freundschaftlichen Achse mit dem ÖVP-Landeschef Erwin Pröll. "Wir müssen ja nicht als Almdudler-Pärchen auftreten - bei aller Wertschätzung für dieses Getränk." Damit ging er auf Distanz zur Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou.

Aber Häupls Lieblingsgetränk ist wohl der Wein, und den legendärsten Spruch aus diesem Fachbereich wählte Ahorner als Titel für das im Ueberreuter Verlag erschienene Buch: "Man bringe den Spritzwein!" Der Satz fiel 2010 anlässlich der Unterzeichnung des Koalitionspaktes mit den Grünen.

Spritzwein ist sicherlich ein recht junges Wort. Ich habe mich mit Peter Ahorner ausgetauscht, dieser sammelt so wie ich wienerische Ausdrücke und publiziert sie, außerdem arbeitet er mit dem Duo "Die Strottern" zusammen. Ahorner war mit mir einer Meinung, dass wir früher nie im Leben einen Spritzwein bestellt hätten, sondern einen Gspritzten oder einen Spritzer, und dass das Wort eigentlich zwei Bedeutungen hat: (a) ein Wein, der zum Aufspritzen mit Soda geeignet ist, und (b) der aufgespritzte Wein selbst.

Aber genauso interessant wie das Wort ist der legendäre Satz insgesamt. Wir müssen uns jetzt kurz auf das Gebiet der Pragmatik begeben. Damit bezeichnen die Linguisten den Gebrauch von Äußerungen in einer konkreten Kommunikationssituation. Nicht die wörtliche Bedeutung ist relevant, sondern die kontextabhängige, und der Kontext ist in diesem Fall der Abschluss langwieriger Verhandlungen. In dieser Situation wäre zu erwarten gewesen: "Jetzt wollen wir mit einem Glas Sekt auf die erzielte Einigung anstoßen!" Häupl ersetzt allerdings das elitäre Festtagsgetränk durch die eher proletarische Wein-Wasser-Mischung. Nur die Diktion ist herrschaftlich: "Man bringe."

Aber vielleicht hat Häupl das Wort Spritzwein gar nicht kreiert, sondern nur popularisiert. Es findet sich jedenfalls auch in einigen Romanen des von mir hochgeschätzten Schriftstellers Stefan Slupetzky. In "Halsknacker", erschienen 2011, wird der Fußballer Schestak systematisch gehänselt. "So hielt man sich für die Biere und Spritzweine schadlos, die er im Laufe des Abends zusammenschnorren würde." In dem zwei Jahre später erschienen Kriminalroman "Polivka hat einen Traum" empfindet der Bezirksinspektor beim Anblick eines Schanigartens "einen inneren Drang nach einem Spritzwein".

Im "Falter" wurde Slupetzky damals wegen der Verwendung des Ausdrucks kritisiert: "Was aber nicht geht: dass einem Wiener Kieberer nach einem ,Spritzwein‘ gelüstet." Heute würde der "Falter" das wohl anders sehen.

Dass der legendäre Satz "Man bringe den Spritzwein!" im Jahr 2012 fiel, wie im Buch des Ueberreuter Verlages und in der Printausgabe zu lesen ist, hat sich als falsch erwiesen und wurde richtigstellt.







Schlagwörter

Sedlaczek am Mittwoch

4 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-25 16:24:36
Letzte Änderung am 2018-10-02 16:55:27


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Die Wähler haben Watschen ausgeteilt
  2. Im Museum der Zukunft
  3. Autonomes Autofahren
  4. Was soll das Kind bitte einmal nicht werden?
  5. Wien verschärft das Kinderhaltegesetz
Meistkommentiert
  1. Wir dürfen die Nichtraucher nicht gewinnen lassen
  2. Denk mal!
  3. Autonomes Autofahren
  4. Wien verschärft das Kinderhaltegesetz
  5. Rucola und Gabalier

Werbung




Werbung