• vom 29.09.2018, 11:00 Uhr

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Ein letztes Mal




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Von Stefanie Holzer


    Stefanie Holzer, geboren 1961, lebt als Schriftstellerin in Innsbruck.

    Stefanie Holzer, geboren 1961, lebt als Schriftstellerin in Innsbruck.

    Im-Stau-Stehen ist eine nicht nur im Gebirge beliebte Freizeit-
    beschäftigung. Aber weil alternative Routen zu wählen im Gebirge schwieriger ist als etwa auf dem flachen Land, stauen wir besonders heftig, wenn besondere Ereignisse anstehen.

    In Innsbruck haben wir mit dem Stauen eine Woche vor Beginn der Straßenrad-WM angefangen, weil bereits Absperrungen aufgebaut werden mussten. Die noch offenen Straßen sind folglich hoffnungslos überfüllt. Insbesondere im Zentralraum von Innsbruck herrscht Ausnahmezustand. Busse verkehren nicht wie üblich, die Straße aus dem Dorf, an dessen Rand wir wohnen, kann während der WM nur zeitig in der Früh, zu Mittag und dann wieder am späten Nachmittag befahren werden. Wie die Kinder zur Schule und wieder nach Hause kommen, ist eine Knobelaufgabe für Eltern.


    Als ich herauszufinden versuchte, wie und wo meine Kinder trotz WM mit dem Bus fahren könnten und wo sie als Fußgänger innerstädtische Straßen überqueren dürften, studierte ich das per Post zugeschickte Info-Heft, dann die Informationen im Netz und schließlich telefonierte ich zwei Stunden abwechselnd mit Damen von VVT und UCI. Der VVT ist für den öffentlichen Verkehr zuständig, das UCI für die Abwicklung der Rad-WM im engeren Sinn.

    Das Tonband in der Warteschleife forderte dazu auf, sich auf die WM zu freuen. Die Dame vom UCI bestätigte, dass sich im Internet noch kein Plan von den Stellen fand, an denen man die Rennstrecken als Fußgänger überqueren kann. Sie habe allerdings eine Liste mit den Querungsmöglichkeiten vorliegen.

    "Werden Sie eigentlich am Telefon beschimpft?", fragte ich. "Und wie!", rief sie frohgemut ins Telefon. Sie höre täglich und mehrfach, sie habe den falschen Job, sei inkompetent und überhaupt das Letzte. Da haben wir beide sehr gelacht. Dann erzählte sie mir noch, auch sie wisse nicht, wie sie während der WM pünktlich zu ihrem Arbeitsplatz und wieder nach Hause kommen könne. Dort, wo sie wohne, sei alles gesperrt. Sie verstehe den Ärger der Anrufer.

    Im Vorjahr hat es eine Volksbefragung gegeben, ob die Tiroler Bevölkerung nach 1964 und 1976 noch einmal Olympische Winterspiele haben will. Nicht zuletzt die zwideren Innsbrucker haben deutlich Nein gesagt. Nach dieser Rad-WM, so scheint mir, wird in Innsbruck überhaupt keine Großveranstaltung mehr stattfinden. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass sich eine neue Partei formiert, die nur eines versprechen muss, um in den Gemeinderat zu kommen: nämlich nie wieder ein Event dieses Ausmaßes auszurichten.

    Und deswegen genieße ich die Straßenrad-WM und das damit einhergehende Chaos noch einmal in vollen Zügen.




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    Dokument erstellt am 2018-09-27 17:18:24


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