• vom 30.09.2018, 11:00 Uhr

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Meditieren oder schlafen?




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Von Gerald Schmickl


    Der eine wurde 1933 in Palästina geboren, der andere 1976 in Israel. Beide sind Historiker. Der eine hat "Eine intime Geschichte der Menschheit" geschrieben, der andere "Eine kurze Geschichte der Menschheit". Der eine, Theodore Zeldin, ist emeritierter Professor an der Oxford University, hat seine Karriere und einen Großteil seines Lebens hinter sich - und gibt inspirierende Interviews (siehe sein aktuelles in der "Wiener Zeitung"). Der andere, Yuval Noah Harari, promovierte an der Oxford University, lehrt an der Hebrew University in Jerusalem - und ist der wohl derzeit erfolgreichste Experte für Weltgeschichte. Soeben ist auf Deutsch (übersetzt von unserem Glossenkollegen Andreas Wirthensohn!) sein neues Buch, "21 Lektionen für das 21. Jahrhundert", erschienen.

    Diese beiden globalen Denker mit jeweils großem Horizont und erfrischendem Temperament verbindet und eint also viel. Bei einem Thema sind sie aber völlig konträrer Ansicht - und zwar, wenn es um Meditation geht. Während Zeldin jegliche Achtsamkeits- und Meditationspraxis für ein unkreatives und unpolitisches Ruhigstellen hält ("Wenn du ruhig und zufrieden bist, wirst du keine Revolution starten!"), ist Harari - der regelmäßig meditiert - ein vehementer Verfechter der täglichen Versenkung.

    Praktiziert Meditation: Oxford-Absolvent Yuval Noah Harari.

    Praktiziert Meditation: Oxford-Absolvent Yuval Noah Harari.© wikipedia CC Praktiziert Meditation: Oxford-Absolvent Yuval Noah Harari.© wikipedia CC

    Kritisiert Meditation: Oxford-Professor Theodore Zeldin

    Kritisiert Meditation: Oxford-Professor Theodore Zeldin© Bernard Galewski Kritisiert Meditation: Oxford-Professor Theodore Zeldin© Bernard Galewski

    Für ihn ist es gerade keine Flucht vor der Wirklichkeit (ein alter Vorwurf der Linken gegen alle rituellen Praktiken - da schimmert noch der "Opium-Sager" von Marx durch), sondern: "Es bedeutet im Gegenteil, mit der Wirklichkeit in Berührung zu kommen." Und zwar mit der Wirklichkeit des eigenen Geistes. In der 21. Lektion seines Buches beschreibt Harari so anschaulich wie plausibel, wie Meditation ein höchst effizientes, in gewissem Sinne durchaus wissenschaftliches Instrument ist, um den Geist direkt zu beobachten.

    "Der einzige Geist, zu dem ich heute unmittelbaren Zugang habe, ist mein eigener." Und der israelische Historiker plädiert nachdrücklich dafür, dieses Instrument zu nützen, bevor unser Geist von der unseligen Allianz aus Informations- und Biotechnologie komplett entschlüsselt und algorithmisch manipuliert wird.

    Information

    Gerald Schmickl ist redaktioneller Leiter der "extra"-Beilage der "Wiener Zeitung" - und schläft lieber als er meditiert . . .


    Aber interessant: So sehr mich die Argumentation Hararis überzeugt (wobei Meditation ja eigentlich jegliches Argumentieren überwinden sollte), so halte ich mich in der Praxis doch lieber an die Erfahrungen seines deutlich älteren Kollegen Zeldin: "Meine Alternative zu Achtsamkeitstraining ist Schlaf. Wenn man gut schläft, verarbeitet das Gehirn Erfahrungen, die man tagsüber gesammelt hat." Und oft löst man, so Zeldin, am nächsten Morgen Probleme, die am Vorabend noch unlösbar schienen.

    Diese Art von natürlicher Ruhigstellung mit kreativer Folgewirkung kenne ich aus eigener Erfahrung. Und sie erscheint mir - zugegeben - bequemer als die wache Konzentration auf ein Hier und Jetzt, das selbst völlig widersprüchlich ist. "Das Jetzt, das einzig wirklich Existierende, ist vollkommen rätselhaft", stellte der niederländische Autor Harry Mulisch einmal fest. Ein Satz, über den sich vortrefflich meditieren lässt. Bis man einschläft.





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    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-09-27 17:30:24
    Letzte Änderung am 2018-09-30 10:57:30


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