• vom 27.09.2018, 18:28 Uhr

Glossen


Sicherheit

Wer hat Angst vorm besonders mutmaßlichen Täter?




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Von Claudia Aigner

  • Kunstsinnig
  • Wenn man Opfer eines Verbrechens wird, verändert das die Welt, in der man lebt, nachhaltig. Da kann der Täter noch so unschuldig sein.



Jetzt weiß ich endlich, wie sich das anfühlt, dieses "subjektive Sicherheitsgefühl". Oder das "subjektive Unsicherheitsgefühl". Gar nicht gut. (Hm. Sind Gefühle nicht immer irgendwie subjektiv?) Die letzten drei Wochen war ich jedenfalls von lauter Verbrechern umgeben.

Ach, ich war im Häf’n? Nein, natürlich nicht. Im Gemeindebau! (In dieser Wohnvollzugsanstalt.) Aber aus dem wäre ich eh auch am liebsten ausgebrochen, wenn ich mir eine Bleibe auf dem freien Wohnungsmarkt hätte leisten können. Weil es ist echt kein Vergnügen, sich beim Hofgang ständig umdrehen zu müssen, ob einem vielleicht jemand folgt, der - ein Messer gezückt hat? Falsch. Der meine Jean anhat. (Also eher eine Frau.) Richtig paranoid war ich schon. Okay, eigentlich waren meine Nachbarn ja bloß mutmaßliche Kriminelle. Doch einer davon war besonders mutmaßlich. Nämlich der unbekannte Täter. Und weil der sehrunbekannt war, hab ich halt gleich alle verdächtigen müssen. Dass sie kaltblütig . . . mein Packerl mit drei Jeans drin aus der Post-Empfangsbox (PEB) geklaut hätten. Kurzfassung der Geschichte (die lange Version war hier ohnedies bereits vor 14 Tagen zu lesen): Packl am 4. 9. in PEB eingelangt (laut Sendungsverfolgung) . . . oh, kein gelber Zettel im Postkastl . . . Servicehotline der Post . . . "wir schicken gleich morgen in der Früh wen vorbei" . . . Servicehotline der Post . . . "keine Panik, wir schicken noch heute wen vorbei" (Und wieso kommt der dann nicht? Schicken die den etwa mit der Post?) . . . Servicehotline der Post . . . "wir schicken morgen . . ." - 6. 9.: PEB leer. Schnell zur Polizei, Diebstahlsanzeige.


Wirklich jeder konnte der "besonders Mutmaßliche" gewesen sein. Hätte meinen gelben Zettel (den Schlüssel für die PEB) im Postkastl gefunden haben können. In seinem (und Gelegenheit macht eben mutmaßliche Diebe) oder in meinem. Oder war’s die PEB-Bande? Danach war meine Welt zumindest eine andere. Ich hab mich nimmer getraut, online was zu bestellen, und hab unentwegt meinen Schaden begutachtet. Mich in mein Kundenkonto beim Soundso-Versand eingeloggt und auf die rote Zahl mit dem Minus davor gestarrt: 299,73 Euro. Beim Grüßen hab ich den Leuten nicht in die Augen geschaut, sondern unter die Gürtellinie. Hab dort unten zwanghaft nach meinen Hosen gesucht. Und dauernd war ich auf eBay. Checken, ob irgendwer versucht, das Diebesgut zu verscherbeln. Den Heinz hab ich allerdings kein zweites Mal gefragt, ob er mich auf den Flohmarkt beim Naschmarkt begleiten würde. ("Oba vuaher kauf ma uns no irgendwo an Pfefferspray, falls der Standler, der meine Hosn hod, flüchten wü.") "Du brauchst dringend psychologische Betreuung, Baby." - "Bledsinn. Olles, wos i brauch, is a Durchsuchungsbefehl für olle Wohnungen auf meiner Stiagn."

Diesen Dienstag schließlich (25. September): Oh, ein gelber Zettel im Postkastl. Mit dem hab ich die PEB geöffnet und drin war: Schrödingers Katze. Quicklebendig. (Ein Insiderwitz.) Also mein Packerl mit den drei Jeans. Was für ein geiler Zaubertrick. Applaudiert hab ich trotzdem nicht. Denn meine Welt, in der jeder dem andern beim Grüßen in die Augen sehen kann, hat mir die magische gelbe Kiste nimmer zurückgezaubert. (Hoffentlich verklagt mich der unbekannte besonders mutmaßliche Täter jetzt nicht wegen Verleumdung.)




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Dokument erstellt am 2018-09-27 18:39:22


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