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Update: 04.10.2018, 14:54 Uhr

Sedlaczek am Mittwoch

Bobo, Anzug, Akademiker, Bildung - alles Pfui!




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Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • Der Begriff Bobo wurde von einem amerikanischen Journalisten geprägt. Der Ausdruck hat eine schillernde Bedeutung.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter:www.wienerzeitung.at/sedlaczek

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter:www.wienerzeitung.at/sedlaczek Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter:www.wienerzeitung.at/sedlaczek

Die Debatte schlug hohe Wellen. Eine steirische SPÖ-Landtagsabgeordnete hatte via Facebook ihren Unmut über die Absetzung des aus der Steiermark kommenden Bundesgeschäftsführers kundgetan und dessen Nachfolger als "Bobo" und "Akademiker im Anzug" bezeichnet. Diesem mangle es an Gefühl für die Parteibasis. Auch der Wiener Bürgermeister äußerte sich reserviert über die neue Parteiführung: "Da kommt keine Jubelstimmung auf, nicht nur bei mir." Darauf reagierte der Schauspieler Erwin Steinhauer auf Facebook so: "Liebe Genossen aus der Steiermark und Wien, die ihr es nicht ertragen könnt ein Licht am Ende des Tunnels leuchten zu lassen, ihr werdet nicht ruhen bis die Sozialdemokratie in Österreich ganz am Boden liegt. Bobo, Anzug, Akademiker, Bildung, alles Pfui! Euch gebührt diese Regierung!"

Aber wer sind denn jetzt die Bobos? Jeder weiß, dass dies eine Abkürzung aus den Wörtern "bourgeois" und "bohémien" ist. Wer zur Bourgeoisie gehört, der gilt als großbürgerlich, angepasst und konservativ, ein Bohemien ist eine unbekümmerte, leichtlebige und unkonventionelle Künstlernatur. Ein amerikanischer Journalist hat daraus ein neues Wort geformt. In dem Buch "Bobos in Paradise" bezeichnete David Brooks damit die US-amerikanische Oberschicht am Ende der 1990er Jahre.


Der Lebensstil der Bobos würde das zusammenführen, was bisher als unvereinbar galt: Reichtum und Rebellion, beruflicher Erfolg und eine nonkonformistische Haltung, das Denken der Hippies und der unternehmerische Geist der Yuppies. Ein idealtypischer Bobo könnte nach meinem Dafürhalten so aussehen: Er hat es innerhalb kurzer Zeit zu einem gewissen Wohlstand gebracht, meist durch einen Job in der Internet-Branche. Er fährt einmal in der Woche mit einem sündteuren Elektrofahrrad in die Arbeit und am Wochenende mit einem spritfressenden SUV auf den Golfplatz. Abends isst er mit Seinesgleichen beim Italiener ein "Surf and Turf", trinkt mehrere Gläser Brunello di Montalcino und diskutiert darüber, wie die CO2-Belastung zu reduzieren und Afrika wirtschaftlich zu entwickeln wäre. Aber er käme nie auf die Idee, für ein Sozialprojekt auch nur einen Euro springen zu lassen. Zugegeben: Einen derartigen Bobo in Reinkultur wird es nicht geben, aber manche kommen dieser Definition in einigen Bereichen recht nahe.

Die "Falter"-Journalistin Maria Dusel hat den Begriff "Boboville" geprägt. Sie bezeichnete damit die Gegend um den Naschmarkt, den Spittelberg, das Karmeliterviertel und die Bezirke Mariahilf und Neubau sowie Teile von Josefstadt und Alsergrund. Wo Bobos wohnen, steigen die Mieten und die Wähleranteile der Grünen. Es besteht kein Zweifel: Bobos und die Sozialdemokratie passen nicht zusammen. Das ist also die eine Seite der Kritik am neuen Bundesgeschäftsführer, die auf Umwege auch Pamela Rendi-Wagner treffen sollte. Dazu kommt die Floskel von den "Akademikern im Anzug" - ein Reflex gegen "die da oben", die bessergestellt sind. Darauf hatte Hannes Androsch eine Antwort parat: Viktor Adler war genauso wie Rendi-Wagner Arzt, Adolf Schärf Jurist, Bruno Pittermann Doppeldoktor und Bruno Kreisky ebenfalls Akademiker.




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Dokument erstellt am 2018-10-02 16:48:32
Letzte Änderung am 2018-10-04 14:54:30


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