• vom 06.10.2018, 11:00 Uhr

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Rucola und Gabalier




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Von Andreas Rauschal


    Andreas Rauschal, geboren 1984 in Vöcklabruck, ist Redakteur im "extra" der Wiener Zeitung.

    Andreas Rauschal, geboren 1984 in Vöcklabruck, ist Redakteur im "extra" der Wiener Zeitung. Andreas Rauschal, geboren 1984 in Vöcklabruck, ist Redakteur im "extra" der Wiener Zeitung.

    Zwei freie Wochentage. Endlich Kurzurlaub, hurra! Tsch-tsch, tsch-tsch - bald fährt die S-Bahn . . . leider doch noch nicht ein. Irgendein Unfall, aber es wird schon werden. Eine gefühlte Ewigkeit danach ist es eine halbe Stunde später. In Schwechat ist gleich Boarding, man selbst aber klebt noch immer in St. Marx: Tsch . . . tsch . . . pffff! - jetzt zwar in der S-Bahn, der aber die Luft ausgeht. Leider ist sie außerdem voll wie die Tichy-Filiale am Reumannplatz, wenn die Saison beginnt. Die Leute sind verschnupft, genervt und per "Wappler!". Kleinkinder weinen, Hunde bellen. Im Büro war es definitiv lustiger.

    Im Flugzeug ist man der Letzte. Soll heißen, das Letzte, alle anderen sind ja schon längst zum Abflug bereit. Wenn Blicke töten könnten, wäre man ungefähr zehnmal tot. Dass der Sitznachbar furzt, ist sehr wahrscheinlich kein Zufall. Zum Glück täuschen zumindest die Stewardessen noch Höflichkeit vor. Eine zweite Runde bei der Ausschank gibt es halt trotzdem nicht. Okay, sie hassen uns doch!

    Neapel ist übrigens schön, wenn man schnell genug ist, dem Tod von der Schaufel zu springen. Der Sensenmann kommt als 8-Jähriger im Temporausch auf dem Moped daher. Überhaupt darf man Ampeln hier als Versuchsanordnung und Zebrastreifen als Dekoration verstehen. Über die zehn zu überquerenden Straßenspuren geht man, wenn sich der Kolonnenverkehr gerade nur durch neun davon schiebt. Springen! Gerade verreißt einer das Lenkrad. Angeblich sollen in Neapel schon Klein-LKW spurlos in Schlaglöchern verschwunden sein. Man begreift, warum an jedem Straßeneck Kerzen brennen - und alle in dieser Stadt zur Madonna beten.

    Danach könnte man sich in eine vermutlich bis nach Südtirol reichende Warteschlange zum Essen einreihen: "Un’ora, Signore!" Dem Vernehmen nach sind viele Deutsche da, die "mal eben Bock auf lecker Piiiza" haben. Der Plan B lautet vorzeitiges Übersetzen auf die Insel per Schnellboot. In diesem hat es geschätzte minus zehn Grad. Am Tag darauf stellt sich die Frage, ob die niesenden Scheißwiener oder die Klimaanlagen daran schuld sind, dass das Hotelzimmer zum Lazarett für Lungenkranke mutiert. Gut, dass es nach dem Essen noch Vitamine gibt. Man lernt, dass man Rucola trinken kann. Glück auch, dass das als Schnaps angebotene Zeugs aufs Haus geht. Am nächsten Tag ist alles noch schlimmer.

    Beim Rückflug ist nach der Wackellandung in München Endstation. Der Himmel sieht aus, wie man sich die Apokalypse immer vorgestellt hat. Blöderweise weiß man wenig später - weil es um die Weißwursthochburg aktuell hoteltechnisch schlecht steht ("O’zapft is!") und alle, also wirklich alle hier aussehen, als würden sie gerade zu einem Andreas-Gabalier-Konzert gehen -, dass das auch seine Richtigkeit hat. Das muss die Apokalypse sein.

    Am nächsten Tag ist wieder Arbeit. Endlich! Urlaub mache ich heuer keinen mehr.





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    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-10-04 15:24:40
    Letzte Änderung am 2018-10-04 16:13:48


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