• vom 10.10.2018, 15:51 Uhr

Glossen

Update: 11.10.2018, 14:06 Uhr

Maschinenraum

Schizophrenie & Schlimmeres




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Von Walter Gröbchen

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  • Lockangebote, Pornos, Computerviren, Erpresserbriefe und ungefilterter Hass: Willkommen im 21. Jahrhundert!



Zunächst einmal: Woher wollen Sie wissen, dass diese Kolumne tatsächlich aus meiner Feder stammt? Ich lasse meinen Laptop gern irgendwo im Home Office oder Kaffeehaus herumstehen, gelegentlich auch unbeaufsichtigt - wer immer zufällig vorbeikommt und mag, soll sich seiner bedienen. Und er ist herzlich eingeladen, von meinem Mail-, Wordpress-, Facebook- oder Twitter-Konto aus persönliche Botschaften, Glossentexte und ganze Romane in die Welt zu versenden.

Ich selbst hab’ eigentlich wenig Ahnung von der Computerei, das macht alles mein Systemadministrator, der findet mein Laisser-faire recht gemütlich. Passwörter? Sorgfaltspflicht? Digitale Identität? Ach was. Erst vor zwei Wochen hat er unter meinem Namen eine Menge lästiger Fragen an das Innenministerium geschickt (für die ich immerhin das Zeilenhonorar kassiert habe) - auf die Antwort wartet er immer noch. Angeblich. Ich hab’ den Kerl jetzt auch schon einige Tage lang nicht gesehen; angeblich musste er als Zeuge zu einer Gerichtsverhandlung. That’s life.


Apropos: Leben. Neulich bekam ich ein E-Mail. Soweit nichts Ungewöhnliches, täglich trudeln elektronische Depeschen sonder Zahl in meinem Computer-Postfach ein. Ein Großteil davon landet im Spamfilter. Diesen ab und an nach fehlklassifizierten Mails durchzukämmen, habe ich mir zur Angewohnheit gemacht (und halte, nebstbei, die Ausrede, eine wichtige Mitteilung wäre "wohl unbeabsichtigt im Spam hängen geblieben", für ziemlich brustschwach). Bei dieser Routineübung stochert man fraglos im Bodensatz der modernen Kommunikation. Von Viagra- und Socken-Sonderangeboten bis zu dringenden Schreiben, ich möge das Erbe eines Ölmagnaten in Mauretanien antreten oder ein paar Lottomillionen in Kanada einkassieren, existiert im Cyberspace ein breites Spektrum an kleinen und größeren Wundern und Wunderlichkeiten. Schön!

Ich war allerdings verblüfft, als ich auf ein Mail von Walter Gröbchen stieß. An Walter Gröbchen. Interessant: Ich schrieb mir also selbst Botschaften? Noch dazu war diese gar nicht nett. Ich hätte, stand da zu lesen, Webseiten für Erwachsene besucht. Und zwar, um Spaß zu haben. ("Sie wissen, was ich meine!"). Und mein eigener Computer hätte mich dabei mit der eingebauten Kamera gefilmt. Dieses Video gedenke der Absender - also ich selbst! Oder doch der Systemadministrator? - an alle meine Sozialkontakte zu versenden. Sofern ich nicht binnen zwei Tagen 700 Dollar ("Ein fairer Preis für unser kleines Geheimnis") in Bitcoins an eine bestimmte Adresse zahlen würde. Es handle sich um ein "nicht verhandelbares Angebot".

Na bumm! Ich hatte also einen Erpresserbrief an mich selbst geschrieben. Gekapertes Konto? Augenscheinlich. Ob das etwas mit dem Umstand zu tun hat, dass ich mir gerade auf Facebook - aus Ihnen eventuell noch erinnerlichen Gründen - eine Zweitexistenz geschaffen habe? Oder ist das schon Schizophrenie 2.0? Ich lade Sie jedenfalls herzlich ein, mir unter meinem Namen eine deftige Antwort zu schicken. Oder mich vor Gericht zu zerren. Je absurder die eigene Zeugenaussage, desto sicherer meine Siegeschancen.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-10-10 16:03:43
Letzte Änderung am 2018-10-11 14:06:37


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