• vom 13.10.2018, 10:00 Uhr

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Von Mario Rausch


    Wer hat sie nicht schon zur schnellen Informationssuche genutzt, Wikipedia, die nahezu allwissende Online-Enzyklopädie mit einer kaum noch überschaubaren Anzahl von Artikeln zu allen erdenklichen Wissensgebieten. Trotz schwankender Qualität der Beiträge und der immer wieder geäußerten Kritik von Fachleuten ist Wikipedia bei den Nutzern beliebt und wird hierzulande von fast jedermann regelmäßig besucht.

    Information

    Mario Rausch, geboren 1970, lebt als freier Publizist in Klagenfurt und Wien.

    Wer allerdings meint, dass umfangreiche Wissenssammlungen eine Erfindung des Computerzeitalters sind, der irrt gewaltig. Schon vor rund 2000 Jahren machte sich ein gewisser Gaius Plinius Secundus Maior, heute meist Plinius der Ältere genannt, ein römischer Gelehrter, der im Brotberuf Offizier und Verwaltungsbeamter war, daran, das gesamte zu seiner Zeit verfügbare Wissen über die Natur und alle damit verbundenen Bereiche zusammenzufassen und systematisch darzustellen.

    Ein Unterfangen, dessen Dimensionen er nicht ohne Stolz im Vorwort zu seiner Naturalis historia genannten Enzyklopädie beschreibt: "Zwanzigtausend merkwürdige Gegenstände, gesammelt durch das Lesen von etwa zweitausend Büchern, unter welchen erst wenige ihres schwierigen Inhalts wegen von den Gelehrten benutzt sind, von Hundert der besten Schriftsteller, habe ich in 36 Büchern zusammengefasst, dazu aber noch vieles gefügt, wovon entweder unsere Vorfahren nichts wussten oder was das Leben erst später ermittelt hat." Diese "merkwürdigen Gegenstände" beziehen sich auf die unterschiedlichsten Wissensgebiete, von der Vulkanologie über Astronomie, Anthropologie, Zoologie, Botanik, Medizin bis hin zur Kunstgeschichte.

    Die Rezeption der "Naturalis historia" begann schon zu Plinius’ Lebzeiten und hielt auch im Mittelalter an - immerhin war das Werk ja eine der wenigen wissenschaftlichen Schriften der Antike, die in Westeuropa durchgängig bekannt waren. Als im 12. Jh. die große Übersetzungswelle antiker Texte aus dem Arabischen ins Lateinische begann, interessierten sich die Gelehrten zunehmend mehr für die wiederentdeckten Schriften des Aristoteles, Euklid oder Ptolemaios - und Plinius geriet ein wenig ins Hintertreffen.

    Auch die junge Altertumskunde war nicht gerade gnädig zu Plinius: so äußerte sich der große Theodor Mommsen (immerhin Literaturnobelpreisträger für seine "Römische Geschichte") eher abfällig über die "Naturalis historia". Für ihn war es schlicht ein "Studierlampenbuch". Und der Philosoph Arthur Schopenhauer bemerkte einmal spöttisch über Plinius, "dass einem Manne, der nur Zeit für das Lesen hat, keine Zeit zum Denken bleibt".





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-10-11 16:03:40
    Letzte Änderung am 2018-10-11 16:29:45


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