• vom 16.10.2018, 15:42 Uhr

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Update: 17.10.2018, 11:30 Uhr

Sedlaczek am Mittwoch

Die Wähler haben Watschen ausgeteilt




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Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • Wenn Parteien in eine hohe Wahlniederlage schlittern, verwenden die Zeitungen gerne volkstümliche Ausdrücke für eine Ohrfeige.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter:www.wienerzeitung.at/sedlaczek

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter:www.wienerzeitung.at/sedlaczek Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter:www.wienerzeitung.at/sedlaczek

Es musste so kommen: Die CSU und die SPD erleiden bei den Wahlen in Bayern dramatische Verluste, und die "Bild"-Zeitung titelt: "Die Watschn-Wahl erschüttert Deutschland". Wenn zwei große Parteien starke Verluste erleiden, ist die Metapher naheliegend. Man könnte auch sagen. CSU und SPD wurden abgestraft - die Ohrfeige war ja früher eine Methode der Kindererziehung.

Neu ist allerdings die Formulierung "Watschn-Wahl". Streng genommen würde das bedeuten, dass die zwei Verlierer wählen konnten, welche Art von Ohrfeige sie bekommen. Ein Hauswatschen, eine Quadratwatschen, eine Gnackwatschen? Oder die leichteren Varianten, eine Dätschen, eine Dachtel?


In den österreichischen und bayerischen Mundarten haben Feminina auch in der Einzahl die Endung n.
Es heißt also: "Die zwei Parteien haben eine Watschen bekommen." Wer "eine Watsche" schreibt, versucht mit viel Krampf, einen Mundartausdruck auf die höchste Sprachebene zu hieven.

Der Kabarettist Hannes Ringstetter aus Niederbayern unterscheidet in dem beliebten Sketch "Dreifaltigkeit der dörflichen Züchtigung" zwischen einer Watschen, einer Schellen und einer Fotzen. "Bei der Watschen kann der, der sie hergibt, eigentlich gar nix dafür: Die fangt man sich." Bei einer Watschen könne sich das gezüchtigte Kind nachher noch an alles erinnern und ohne Trauma weiterleben. "Die zweite Stufe ist die Schellen, das ist eine Art Geschenk: Die kriegt man." Weil sie am Ohr landet, spürt man eine Stunde lang ein dunkles Wummern im Hinterkopf, was zu einem pädagogischen Problem führt: Das Kind kann sich an die Stunde vorher nicht mehr erinnern, es weiß nicht, warum es eine Ohrfeige bekommen hat. "Dann kommt die dritte Stufe, a Fotzen: Die haut man runter. Das entscheidende ist die Dislokation: Das Kind darf auf keinen Fall mehr da stehen, wo es vorher gestanden ist. Sonst wär’s maximal a Schellen." Nimmt man diese Einordnungen ernst, haben CSU und SPD am vergangenen Sonntag eine Fotzen gekriegt.

Das Wort Schelle haben sich die Bayern aus dem Norden ausgeborgt. Es handelt sich um die Kurzform von Maulschelle, boarisch ausgesprochen: a Schöön. Dieser Wortbestandteil hat etwas mit "schallen" zu tun. Im Gegensatz zu einer schallenden Ohrfeige zielt die Maulschelle etymologisch auf den Mund ab.

Dass der Redakteur von "Bild" den zwei Verlierern der Bayern-Wahl auf der Titelseite eine Watschen und nicht eine Maulschelle oder eine Klatsche verpasst hat, hängt wohl damit zusammen, dass "die Watschen" typisch für Bayern ist. Und dennoch wird das Wort auch im Norden verstanden, obwohl dort vereinzelt sogar noch die altertümliche Backpfeife zu spüren ist.

Als sich Wolfgang Ambros mit "Zwckts mi, i man i draam . . ." in die österreichische Hitparade sang, hatte die Plattenfirma Angst, dass die Formulierung "Könnt ma ned vielleicht irgendwer ane picken . . ." in Deutschland nicht verstanden wird. Daher holte man den Wolferl noch einmal ins Studio, und er musste eine neue Version für den deutschen Markt singen: "Könnt ma ned vielleicht irgendwer a Watschen geben . . ." Der Rest der Zeile blieb gleich: "Danke, jetzt is ma kloa. Es is woa, es is woa."




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-10-16 15:51:54
Letzte Änderung am 2018-10-17 11:30:43


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