• vom 17.10.2018, 16:37 Uhr

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Update: 18.10.2018, 12:51 Uhr

Maschinenraum

Im Museum der Zukunft




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Von Walter Gröbchen

  • Maschinenraum
  • Hat die Kunst schon alle Denkmöglichkeiten ausgereizt? Nein: Innovative Technik eröffnet ihr ungeahnte neue Welten.



Es war ein besonderer Moment. Ein Novum. Man sieht es an den irritierten, bestürzten, teils amüsierten Gesichtern der Besucher jener denkwürdigen Sotheby’s-Veranstaltung in London, die der Versteigerung des Bildes "Girl With Balloon" des Künstlers Banksy beiwohnten. Kaum war eine Käuferin gefunden - sie war bereit, mehr als 1,1 Millionen Euro für das eher banale Werk zu bezahlen -, setzte sich ein geheimnisvoller Mechanismus in Gang und zerschnitt das Bild in Streifen. Shredder Art, Baby! Aufnahmen dieses einzigartigen Vorgangs gingen augenblicklich um den Globus. Noch heute, fast zwei Wochen danach, diskutiert die Kunstwelt über diese Intervention. Was will uns Banksy sagen? Ist das zerstörte Kunstwerk besser, aussagekräftiger, sammlungswürdiger und, ja freilich, mehr wert als das ursprüngliche? Und ist sein Urheber ein Genie, ein Anarchist, ein Aktionist, wie es ihn noch nie gab - oder doch nur ein gewitzter Schelm mit plumper Mission?

Ja, die moderne Kunst! Viel Spielraum abseits ihrer zumeist elitären Selbstgenügsamkeit und ungenierten Vermarktung hat sie nicht (mehr). Alle Denkmöglichkeiten - von der radikalen Reduktion bis zu neobarocker Opulenz, von Fluxus & Co. bis Street und Land Art, von der seriellen Reproduktion bis zur fortgesetzten Hege und Pflege des Nimbus vom ewigen Meisterwerk - sind durchdekliniert. Was natürlich keine ernsthafte Künstlerin und keinen sich berufen fühlenden Künstler davon abhält, es selbst zu probieren. Und die Erkenntnisse der letzten Jahrtausende neu zu deuten (oder sie auch komplett zu negieren).


Kann uns, die staunenden Betrachter, insofern noch etwas wirklich überraschen? Ja, werden Kenner einwerfen: individuelle Qualität. Ich dagegen - wohl eher technikfixierter Banause - meine, dass da doch gerade einiges umbricht in der Welt, was auch an der Kunst nicht vorbeigehen kann. Und das tut es auch nicht. Die Stichworte lauten: Digitalisierung, Augmented Reality, künstliche Intelligenz, Transhumanismus, virtuelle Realitäten.

Aber bleiben wir am Boden der gegenwärtigen Wirklichkeit. Die ist aufregend genug. So stolperte ich erst neulich in eine kleine Galerie in Wien-Neubau, wo ein Dutzend kleinformatiger Bilder an den Wänden positioniert war. So weit, so unspektakulär. Man wurde allerdings per Erklärungstext aufgefordert, eine App ("Artivive") auf sein Smartphone zu laden und nach Belieben vor die Kunstwerke zu halten. Und augenblicklich begann Bewegung und Leben in die zweidimensionalen Objekte zu schießen: Jedes Bild triggerte eine Videosequenz. Einigen der Betrachter klappte spontan die Kinnlade runter.

Das mag nicht per se die Revolution sein, aber "Artivive" - ein österreichisches Start-up rund um die Gründer Sergiu Ardelan und Codin Popescu - gibt uns eine Ahnung der Zukunft. Und es sind nicht nur Künstlerkollektive wie das Wiener Duo Station Rose, das sich selbst nachhaltig in digitalen Sphären verortet, die solche Ansätze auf-
greifen - schon sind auch altehrwürdige Institutionen wie die Albertina oder das Belvedere auf den Zug aufgesprungen. Kunst kommt von Kommendem.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-10-17 16:48:53
Letzte Änderung am 2018-10-18 12:51:46


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