• vom 21.10.2018, 11:00 Uhr

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Nachruf auf ein Museum




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Von Irene Prugger


    Irene Prugger, geb. 1959, lebt als Schriftstellerin und freie Journalistin in Mils bei Hall in Tirol.

    Irene Prugger, geb. 1959, lebt als Schriftstellerin und freie Journalistin in Mils bei Hall in Tirol. Irene Prugger, geb. 1959, lebt als Schriftstellerin und freie Journalistin in Mils bei Hall in Tirol.

    Das ist ein Andenken an ein kleines Museum. Dort wurden in einem Raum auf Wohnzimmergröße Bilder, Fotos und Objekte gezeigt, sowie Toninstallationen, Filmarbeiten und Lesungen realisiert. Es befand sich in Fraxern, nahe Feldkirch. Das ist für die Ostösterreicher weit weg, aber auch die Vorarlberger hatten nicht unbedingt ein Naheverhältnis dazu.

    Kein Wunder, es hieß ja auch "Hidden Museum" und war in einer hübschen kleinen Hütte auf einem steilen Gelände beherbergt, umgeben von Büschen und Obstbäumen. "Bei Orientierungsschwierigkeiten fragen Sie nach dem Fußballplatz. Es ist sinnlos, nach einem versteckten Museum zu fragen. Das Begehen des Geländes erfolgt auf eigene Gefahr! Das Risiko entspricht einem Waldspaziergang", stand auf der Homepage zu lesen.

    Gründer und Kurator des Hidden Museums war Bernhard Kathan, geboren 1953 in Fraxern, in Innsbruck lebender Kulturhistoriker, Schriftsteller und Konzeptkünstler. In diesem Herbst schloss er sein Museum nach zwei Jahrzehnten. Für ihn war das Betreiben des Museums kein Waldspaziergang, sondern eine fordernde Aufgabe. So wie Kathan sich seine Arbeit, der akribische Recherchen vorausgehen, nie einfach macht. Dabei fördert er oft überraschende Fakten und Ereignisse zutage, die nur deshalb ihr Skandalpotenzial nicht entfalten, weil sie es kaum je auf die Titelseiten der Zeitungen schaffen.

    Ermüdungserscheinungen gesteht Kathan sich durchaus zu, entscheidender aber sei der dramatische gesellschaftliche Umbruch - Förderungen von Projekten, wie er sie macht, seien unter den derzeitigen politischen Verhältnissen nicht zu erwarten, schreibt er in einer Mail, in der er die Schließung des Museums bekannt gibt:

    "Und mit einer Pension in der Höhe von Euro 720,22 kann ich keine großen Sprünge machen. Unsere Sozialministerin meint ja, dass man mit EUR 150,00 leben kann. Damit hat sie nicht unrecht. Ich habe das unter Schwarz-Blau 1 in einem Selbstexperiment zwei Monate lang ausprobiert. Man verhungert nicht, ernährt man sich mit Reis und Bohnen aus Konservendosen, muss dann aber gewisse Verhaltensänderungen an sich feststellen . . ."

    "Bernhard Kathan ist kein Schriftsteller, aber er kann schreiben; er ist kein Künstler, aber er kann malen; er ist kein an der Universität verankerter Wissenschaftler, aber er schafft erfolgreich wissenschaftliches Wissen; er ist kein Verleger, führte aber erfolgreich einen Verlag; er ist kein Kurator, aber er kann kuratieren; er ist kein Museumspädagoge, aber er betreibt erfolgreich ein Museum", schrieb Martin Sexl von der Universität Innsbruck in einer Laudatio.

    Das Hidden Museum ist nun geschlossen und wird laut Kathan höchstens noch im Hosentaschenformat weiterexistieren. Das ist immerhin ein Trost. Denn Menschen wie Bernhard Kathan tragen in der Hosentasche oft mehr bleibende Werte und Erkenntnisse als andere in dicken Aktenkoffern.





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-10-18 16:06:43
    Letzte Änderung am 2018-10-18 16:27:40


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