• vom 20.10.2018, 11:00 Uhr

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Selfie mit Kardinal




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Von Andreas Wirthensohn


    Andreas Wirthensohn, geb. 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

    Andreas Wirthensohn, geb. 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München. Andreas Wirthensohn, geb. 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

    Neulich bin ich im Keller auf eine alte, schon etwas muffig riechende Schachtel gestoßen. Darin gesammelt waren lauter Erinnerungsstücke, Devotionalien meiner Jugend und frühen Jahre. So entdeckte ich dort die Eintrittskarten zu meinen ersten Konzerten: Das waren die Schmusepopper von Smokie (erinnert sich noch jemand? "Living Next Door To Alice"!), aber auch die Krachmacher von AC/DC, die es im November 1979 tatsächlich in die Passauer Nibelungenhalle verschlagen hat und die ich zusammen mit einem Freund, begleitet von dessen Eltern, im zarten Alter von zwölf Jahren erleben durfte.

    Auch ein paar schöne Liebesbriefe fanden sich in dieser Schatzkiste, dazu einige Musikkassetten, die ich offenbar für angebetete Mädchen aufgenommen, aber dann doch nicht zu überreichen gewagt hatte. Und ganz unten lagen zahlreiche gut erhaltene Autogrammkarten: u.a. von Smokie-Sänger Chris Norman, von Suzie Quatro und von Wolfgang Ambros. Auch ein paar Fußballer hatten mir ihr Konterfei signiert: der grimmig dreinblickende Klaus Augenthaler etwa oder der Uli-Bruder Dieter Hoeneß (ich war damals fanatischer Fan des FC Bayern).


    Autogrammkarten gibt es heute immer noch, aber so richtig begehrt scheinen sie nicht mehr zu sein. Was ist auch so toll am Foto eines Stars, das von einer unleserlichen Filzstiftkrakelei verunstaltet ist? Wer heute auf sich hält und wahres Fansein dokumentieren will, braucht dafür etwas ganz anderes: ein Selfie mit der verehrten Promigröße, damit lässt sich prima Eindruck schinden. Wer aber gilt als "selfiewürdiger" Star?

    Als wir jüngst auf der Rückfahrt durch Frankreich an einer Raststätte Halt machten, kam meine Frau dort zufällig mit einem älteren Herrn ins Gespräch. Sie plauderten über dieses und jenes, und wie sich herausstellte, gehörte er zu einer Gruppe von Pfarrern aus Lyon, die für ein paar Tage nach Straßburg fuhren.

    Zwei Straßenarbeiter hatten dem eher unscheinbaren Herrn schon während des Gesprächs neugierige Blicke zugeworfen, und als meine Frau sich wieder zu mir an den Tisch setzte, kamen sie auf uns zu und fragten aufgeregt, ob das nicht der berühmte Kardinal Soundso sei. Wir konnten nur unsere Unkenntnis zum Besten geben, und so wagten die beiden es, den Herrn persönlich anzusprechen.

    Wie sich herausstellte, handelte es sich tatsächlich um den Erzbischof von Lyon und Primas von Gallien, Philippe Barbarin. Wie selbstverständlich wurden sofort mehrere Selfies mit dem Mann Gottes geknipst, ehe die beiden Männer der Straße selig strahlend von dannen zogen. Ein Kardinal als Superpromi - tu felix Gallia, kann man da nur sagen.




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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-10-18 16:06:44
    Letzte Änderung am 2018-10-18 16:29:05


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