• vom 18.10.2018, 16:54 Uhr

Glossen

Update: 18.10.2018, 17:09 Uhr

Datenschutz-Grundverordnung

Namen sind ein einziger Datenschutz-Skandal




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Von Claudia Aigner

  • Kunstsinnig
  • Aber zum Glück kriegen wir ja jetzt Nummern. Ich bin TOP 9. (Natürlich nicht. Als ob ich irgendwem meine richtige Nummer verraten würde.)



Bisher war mir diese DSGVO ja ziemlich wurscht. Aber wenn wegen der jetzt meine Miete steigen sollte, dann . . . kann ich eigentlich auch nix machen. Außer sauer sein. Auf die EU. DSGVO, das ist nicht die Abkürzung für Donauschifffahrtsgesellschaftsirgendwas (logisch, das wäre DSG-IW), sondern für Datenschutz-Grundverordnung. Und die ist schuld daran, dass ich plötzlich in einer Top-Immobilie wohne. Nein, eh noch immer im selben Gemeindebau. Doch auf einmal steht überall "TOP" drauf. (Hoffentlich verlangt "Wiener Wohnen" dafür keinen Mietzuschlag.)

Um die Mieter nämlich vor ihren personenbezogenen Daten zu schützen, mussten an der Gegensprechanlage die Namen gegen unpersönliche Top-Nummern ausgetauscht werden. Und Top ist in Wien halt kein ärmelloses Oberteil, das ist eine "Nutzungseinheit". (He, ist eine Topless-Bar also ein Etablissement für Obdachlose? Und ohne Top hast sowieso kein Leiberl. Nirgends.) Nummern. Hm. Das ist eine Fast-zwei-Millionen-Stadt, oder? In der ist man ohnedies anonym. Sogar mit einem Namensschild. Aber selbst wenn sich ein Leser dieser Kolumne gemerkt haben sollte, welchen Namen er am Anfang gelesen hat (sofern ich tatsächlich so heiße und die Redaktion mich nicht aus datenschutzrechtlichen Gründen umbenennen hat müssen), und wenn mich der nun aus irgendeinem nicht datenschutzrechtlichen Grund daheim besuchen wollte, wie sollte er mich denn überhaupt finden, bitte? Auf herold.at? Bei "Wer?" einfach "Claudia Aigner" eingeben und bei "Wo?" "Wien"? Oh. Genau ein Treffer: "Musterstraße 1, Stiege 2." (Adresse geändert.) Was? Die Quelle ist das Telefonbuch? Obwohl ich’s abbestellt habe, steh ich drin? Hab ich da grad einen riesigen Datenschutzskandal aufgedeckt? Nicht, dass ich bestätigen könnte (Datenschutz, hallo?), dass es sich bei der Claudia Aigner aus dem Telefonbuch um mich handelt.

Na wenigstens haben sie die Türnummer nicht hingeschrieben. Die könnte man höchstens telefonisch bei mir erfragen. Ich würde sie dem Anrufer aber natürlich nicht verraten. Und selber auf dem Klingelbrett nachschauen, das kann er ja nimmer. Ätsch! (Verdammt, er weiß, dass ich auf TOP 9 nicht wohne.) Und woher hätte er meine Telefonnummer? Vom Herold. (Die Festnetznummer.) Am Dienstag hat trotzdem wer an meiner Tür geläutet. Ich war total in Panik. Würde ich ins Datenschutzprogramm müssen? Eine neue Identität annehmen? Weil ein irrer Fan dort draußen war und der wollte womöglich ein Autogramm? "Träum weiter", hat der Bernard G. gesagt, als ich ihm davon erzählt habe. Seinen richtigen Namen trau ich mich gar nimmer zu kennen. Schließlich kann ein Verstoß gegen die DSGVO 20 Millionen Euro kosten. (Kann ich auch eine Ersatzfreiheitsstrafe absitzen? 50-mal lebenslänglich?) Neben seinem Klingelknopf ist übrigens noch ein Name. Einer. Nicht seiner. Der vom Vormieter vielmehr. (Ist das nicht Identitätsdiebstahl?)

Und? Wer war vor meiner Nutzungseinheit? Einer vom Roten Kreuz. Hab ich durch den Spion gesehen. Doch weil ich die Rettung bestimmt nicht gerufen hatte und mich völlig gesund gefühlt habe, hab ich mich tot gestellt und nicht aufgemacht. Als Nächstes verkleidet sich einer als Sternsinger und glaubt, mir fällt nicht auf, dass er keinen Melchior und keinen Balthasar dabeihat. Ach, das ist der Rauchfangkehrer? Kann jeder behaupten.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-10-18 17:03:49
Letzte Änderung am 2018-10-18 17:09:29


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