• vom 19.10.2018, 13:09 Uhr

Glossen

Update: 19.10.2018, 15:06 Uhr

Glossenhauer

Der Lärm der Welt




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Von Severin Groebner

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  • Die Nachrichten purzeln wie Laub von den Bäumen. Was tun? Wegblasen.

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lese bühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen. Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/ glossenhauer

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lese bühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen. Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/ glossenhauer Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lese bühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen. Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/ glossenhauer

Jede Jahreszeit hat so ihre Farben, ihren Geruch und ihren Klang. Vor allem Letzterem ist nicht zu entkommen. Pendelt der Sound des Winters irgendwo zwischen "Rudolph, the Red-Nosed Reindeer"-Dancefloor-Version-Heavy-Rotation und der absoluten Stille nach dem ersten heftigen Schneefall, wenn es einem selbst auf Gürtel und Zweierlinie erscheint, als hätte jemand den Lautstärkeregler abgedreht, bringt der Frühling neben Vogelgezwitscher auch die ersten Motorradfahrer auf die Straße, die ihre frisch geölten Motoren aufheulen lassen, bevor sie sich als potenzielle Organspender auf den Weg zur Dopplerhütte machen.

Der Sommer beglückt dagegen alle Menschen mit dem fragwürdigen Musikgeschmack ihrer Mitbürger, den diese mittels Bluetooth-Boxen in die heiße Luft hinausblasen, und dass es Herbst ist, merkt der Mensch am Land, wenn die Blätter sich verfärben und die Kastanien von den Bäumen fallen.


Der Zeitgenosse in der Stadt wiederum erkennt die Jahreszeit an dem sanften Gezirpe der Laubbläser. Da zieht sich dann ein vielstimmiges RRRRRRÖÖÖÖÖÖÖÖHHHHHRRRRR durch die Stadt- und Parklandschaft und verbreitet die liebliche Atmosphäre eines startenden Düsenjets. Da wissen alle: Jetzt ist Herbst. Und das teilweise schon ab 7 Uhr in der Früh. Und während man sich noch fragt, ob das die Rache der schlecht bezahlten Unterprivilegierten an allen ist, die länger schlafen dürfen, verschwindet unter dem Gedröhne der Rest der Welt.

Fragen wie jene, ob jetzt die Fiakerpferde aus der Innenstadt umgeschult werden als tierisches Personal der künftigen berittenen Polizei, oder ob sich der Verein gegen Tierfabriken auch so selbstlos engagieren täte, würde es sich um ein- und weggesperrte Menschen in Hotspots, Anlandezentren oder anderen Euphemismen für das schlichte Wort "Lager" handeln, werden einfach zugedröhnt.

Auch Rechenaufgaben bleiben ungelöst. Will die Bundesregierung doch eine Milliarde Euro durch die Zusammenlegung der Krankenkassen einsparen. Dummerweise kann die Präsidentin des Rechnungshofs aber nur ein Einsparungspotenzial von 33 Millionen Euro erkennen. Wo jetzt der klitzekleine Fehlbetrag von 967 Millionen herkommen soll, diese Frage wird auch einfach weggeblasen. Wer kann sich bei so einem Lärm auch budgetärer Mathematik widmen?

Und dass der "beste Innenminister der Zweiten Republik" nun eine Spezialeinheit aufstellen will, die "Sozialbetrüger" jagen soll (ob mit oder ohne Pferd, ist nicht bekannt), während auf der anderen Seite ans Tageslicht kommt, dass die "Organisierte Kriminalität im Nadelstreif" (O-Ton eines Branchen-Insiders) mit "Cum-Ex"-Geschäften (das ist ein sehr komisches Wort für mehrfachen, systematischen Steuerbetrug von Banken und ihren betuchten Kunden) das Land bis zu geschätzten 100 Millionen Euro Steuergeld jährlich gekostet hat, darüber kann man auch nicht länger nachdenken, wenn neben einem der dieselbetriebene Hirsch röhrt.

Insofern ist vielleicht der Laubbläser die perfekte Antwort auf den Zustand unserer Welt. Ihr macht heiße Luft? Wir machen laute! RRRRRRÖÖÖÖÖÖÖÖHHHHRRRRR!




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-10-19 13:18:47
Letzte Änderung am 2018-10-19 15:06:47


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