• vom 23.10.2018, 17:10 Uhr

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Update: 24.10.2018, 09:36 Uhr

Sedlaczek am Mittwoch

Vielleicht bin ich doch ein Messie. . .




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Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • Wenn ein neues Wort auch in den Boulevardzeitungen auftaucht, dann ist es in der Alltagskommunikation angekommen.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter:www.wienerzeitung.at/sedlaczek

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter:www.wienerzeitung.at/sedlaczek Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter:www.wienerzeitung.at/sedlaczek

Nein, ich meine nicht den argentinischen Dribbelkünstler Lionel Messi, der beim FC Barcelona unter Vertrag steht. Dieser schreibt sich anders. Ich meine "Messie". Den Ausdruck fand ich neulich in einem Artikel der "Kronen Zeitung". Die Rede war von einem ehemaligen Koch, der in einem unglaublichen Ausmaß Essensreste, Pizzaschachteln, Bierflaschen und vieles mehr in seiner Wohnung angehäuft hatte. Bei der Delogierung soll der Gerichtsvollzieher beinahe in Ohnmacht gefallen sein.

Seither bin ich böse, wenn meine Frau in mein Arbeitszimmer kommt und sagt: "Du bist auch ein Messie!" Das ist ungerecht. Ich bin nämlich nur bei Büchern ein Messie, ich kann kein Buch wegwerfen. Selbst mittelmäßige Bücher kann man aus irgendeinem Grund später wieder einmal brauchen, und da in den Regalen kein Platz mehr ist, liegen einige auf dem Boden herum.


Meine Frau ist übrigens auch ein Messie. Sie sammelt Olivenöle verschiedenster Herkunft. Sie stehen in einem überfüllten Regal neben zahllosen Fläschchen mit Balsamico-Essig und neben Schachterln mit Fleur de Sel und rosa Himalaja-Salz. Soll sein, diese Sammelleidenschaft kommt auch mir zugute.

Meine Tochter wiederum hat es auf Badezusätze und Haarwaschmittel abgesehen. Diese faszinieren auch mich - wegen ihrer bizarren Markennamen: Mystic Moments, Absolute Relax, Winter Wish. . .

So gesehen ist wahrscheinlich jeder von uns ein Messie. Krankhaft wird es dann, wenn Fremde nicht mehr in die Wohnung dürfen. Dann spricht man von einem Messie-Syndrom, einer psychischen Erkrankung. Abgeleitet ist das Wort von englisch mess: Unordnung, Durcheinander. Wer in seiner Wohnung mehr oder minder wertlose Gegenstände ansammelt und unfähig ist, sich von diesen zu trennen, der ist ein Messie. Nur im Extremfall kommt es zu jenem Vermüllungssyndrom, das die "Krone" so eindrucksvoll beschrieben und mit Fotos illustriert hat.

Der Begriff Messie ist eine Wortschöpfung der US-amerikanischen Sonderschulpädagogin Sandra Felton. Eines ihrer Bücher trug in der deutschen Fassung den Titel "Im Chaos bin ich Königin - Überlebenshilfen für den Alltag". Über die Berichterstattung in den Massenmedien fand der Ausdruck bei uns auch in der psychotherapeutischen Fachwelt Verwendung. Im englischen Sprachraum hat sich der Begriff allerdings nicht durchgesetzt. Dort wird dieses Verhalten als hoarding bzw. compulsive hoarding bezeichnet, also als Horten bzw. als zwanghaftes Horten.

Auf Wikipedia lese ich außerdem, dass das Messie-Syndrom eine Störung der Wertbeimessung ist. Die Betroffenen haben Schwierigkeiten, Wert und Nutzen von Gegenständen anhand gesellschaftlich anerkannter Maßstäbe zu beurteilen. Stattdessen wird Dingen ein übersteigerter Wert beigemessen. Dies führt dazu, dass man sich von ihnen nicht trennen will. "Das können zum Beispiel Zeitungen und Bücher sein, Lebensmittel, Werkzeuge, Verpackungsmaterial, Spielsachen, Ersatzteile oder Kleidung." Auch Bücher!

Wie ich höre, gibt es für Messies spezielle Therapieprogramme. Auch Coaching soll sinnvoll sein. Irgendwann und irgendwo ist sogar ein Messie-Hilfe-Telefon eingerichtet worden. Ich muss mich kundig machen.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-10-23 17:21:51
Letzte Änderung am 2018-10-24 09:36:51


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