• vom 24.10.2018, 16:37 Uhr

Glossen

Update: 25.10.2018, 11:18 Uhr

Maschinenraum

Harte Währung




  • Artikel
  • Lesenswert (15)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Walter Gröbchen

  • Maschinenraum
  • Jugendliches Hörverhalten und die Charts von "Hitradio" Ö3 verlieren zunehmend ihre Schnittmenge.



"Money money money/must be funny/in the rich man’s world". So trällerte einst das Pop-Quartett ABBA, heute hüpfen dazu - Mamma Mia! - gelenkige Profi-Darsteller über die Musical-Bühne. Mit der Erinnerung an die Schweden-Bomber wird immer noch ordentlich Kasse gemacht. Tatsächlich ist die härteste Währung im Geschäftsleben, Unterabteilung Musikbusiness, die Summe der verkauften "Einheiten" (so der Branchenjargon) - egal, ob es sich um Konzertkarten, Tonträger oder Fan-Devotionalien handelt. Halt! Tonträger? Ja, es gibt sie noch zu kaufen - CDs und in letzter Zeit vermehrt Vinyl-Schallplatten. Aber werfen Sie einmal einen Blick in die entsprechenden Abteilungen in Elektrogroßmärkten: So richtig brummt dieses Geschäft nicht mehr, gelegentlich fühlt man sich, allein auf weiter Flur, wie der letzte Mohikaner. Doch es soll hier kein Wehklagen über die Vergangenheit des Tonträgergeschäfts losbrechen. Denn insgesamt geht es mit der Musikindustrie wieder aufwärts (in Österreich im ersten Halbjahr 2018 gleich um 6,3 Prozent, was den Umsatz betrifft). Eine Entwicklung, die der rasanten Verbreitung des Business-Modells Streaming geschuldet ist. Die Einnahmen aus Abos bei Spotify, Apple Music, Amazon, Deezer & Co., also der digitale Musikmarkt - bei dem Downloads eine immer kleinere Rolle spielen - hat im konservativen Österreich das Segment der physischen Tonträger bereits überholt. In diesem Kontext ist das sogenannte Value Gap besonders leuchtkräftig, im negativen Sinne: Denn populäre Gratis-Streaming-Plattformen wie YouTube oder Facebook zahlen nur (wahrscheinlich ob ihrer vergleichsweisen Lachhaftigkeit) streng geheimgehaltene Summen an Kreative, Verwertungsgesellschaften, Labels und Verlage aus. Generell wird über Geld ungern geredet. Für Künstler und ihr professionelles Umfeld waren bislang die Hitparaden der Gradmesser kommerziellen Erfolgs. Freilich ging es auch mit diesen - entsprechend der Allgemeinentwicklung - rasant bergab; bis vor kurzem konnte man schon mit wenigen hundert verkauften Tonträgern durchaus in Charts-Spitzenregionen vordringen. Man hat dann sukzessive die Regeln geändert und auch Downloads und Streams berücksichtigt, aber nicht rasch genug. Denn diese Woche hat der österreichische Hip-Hop-Künstler RAF Camora die Ö3-Austria-Top-40 "gesprengt": Gleich 13 Stücke seines neuen Albums fanden Eingang unter die Top 15. Verkaufte Singles im klassischen Sinn waren das nicht, möglicherweise nicht einmal ernsthafte "Hits" - es handelt sich um millionenfache Fan-Neugier mit dem Finger auf dem Smartphone-Play-Button. Ö3 und die IFPI, der Dachverband der heimischen Musikindustrie, haben nun rasant die Spielregeln geändert. Und RAF Camora tobt von seinem Exil in Berlin aus: "Weintrinkende Experten aus Döbling" würden das neue Nutzerverhalten nicht verstehen, Ö3 hätte sowieso die ganze Deutsch-Rap-Welle verschlafen. An Letzterem ist etwas dran. Aber freilich geht es um’s Geschäft - da wie dort. Ich wäre ja gerne dabei, wenn Raphael Ragucci - so heißt RAF Camora wirklich - seine Lizenz-Abrechnungen öffnet und die Streaming-Einnahmen durchleuchtet. Möglicherweise schreibt er dann einen wutentbrannten Rant-Track, der einmal mehr nicht im "Hitradio" zu hören ist.





Schlagwörter

Maschinenraum

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-10-24 16:48:54
Letzte Änderung am 2018-10-25 11:18:54


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Echt jetzt?
  2. Die neue Art, Gesellschaft zu verstehen
  3. Mein Fehler!
  4. Aus alt mach neu!
  5. Liebe mit der Erde machen
Meistkommentiert
  1. Versunkene Wortschätze
  2. Vorweihnachtszauber
  3. Theatralischer Moment mit politischem Inhalt
  4. Die neue Art, Gesellschaft zu verstehen
  5. Digitales Verdummungsverbot

Werbung




Werbung