• vom 28.10.2018, 11:00 Uhr

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Zelig im Straßenverkehr




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Von Gerald Schmickl


    "Dann doch lieber U-Bahn": "extra"-Ressortleiter Gerald Schmickl.

    "Dann doch lieber U-Bahn": "extra"-Ressortleiter Gerald Schmickl. "Dann doch lieber U-Bahn": "extra"-Ressortleiter Gerald Schmickl.

    Es gibt einen Film von und mit Woody Allen, in dem dieser einen Mann darstellt, der sich seiner Umgebung perfekt anzupassen versteht ("Zelig", 1983). Steht dieser Leonard Zelig neben dicken Menschen, wird er selbst dick, neben Dünnen dünn, neben Schwarzen nimmt er rasch Farbe an, und unter Gangstern wird er unversehens zum Verbrecher - er ist, kurzum, ein menschliches Chamäleon. Diese aberwitzige Pseudo-Dokumentation untergräbt unser Selbstverständnis und unsere Vorstellung von Identität auf so grelle wie hinterfotzige Art. Denn eigentlich gehen wir ja davon aus, dass wir eine weitgehend einheitliche und unveränderliche Persönlichkeit besitzen, mit bestimmten Charakterzügen, festen Ansichten und verlässlichen Gewohnheiten, die sich nicht mit jedem Wechsel der Umgebung verändern. Zu große Anpassungsfähigkeit oder gar Opportunismus gelten daher als schwere Charaktermängel.

    Kritische Selbstbeobachtung hat in mir Zweifel an diesem Glauben genährt. Zum Beispiel im Straßenverkehr. Bin ich als Fußgänger unterwegs, gehen mir vor allem Radfahrer - die einem dank des Wiener Konfrontationskurses auf Geh- und Radwegen oft gefährlich nahe kommen - auf die Nerven. Aber siehe da: Sitze ich selbst auf einem Radsattel, schaut die Sache gleich anders aus. Warum müssen die Fußgänger da vorne alle nebeneinander gehen, können die nicht Platz machen, ereifere ich mich - und klingle sie zur Seite. Am Tag darauf empöre ich mich über einen Alarmklingler, der mich aus dem Weg haben will.


    Als Nicht-Autofahrer fehlt mir die Erfahrung, wie zelig-haft ich mich am Volant erweisen würde. Aber es reicht ja schon die Rolle des Beifahrers. Kürzlich habe ich mich aus dessen Perspektive über viel zu viele Ampeln und vor allem viel zu lange andauernde Ampelphasen aufgeregt. (Als Fußgänger wiederum drücke ich sofort ungeduldig einen dieser Knöpfe, die rasche Umschaltung verheißen - was eh nur selten funktioniert.)

    "Man merkt, du bist U-Bahn-Fahrer", meinte daraufhin ein mich chauffierender Freund, während einer extrem langen Rotphase. Recht hat er. Diese Identität ist - durch häufigen Gebrauch der meistens gut funktionierenden Wiener U-Bahnlinien - noch am nachhaltigsten ausgeprägt. Also hat sich in meiner Evolution zum Verkehrsteilnehmer einfach die Gewohnheit herausgebildet (eher eingeschlichen), zügig voranzukommen. Alles, was dem buchstäblich im Wege steht (wie etwa andere Autos), verursacht bei mir ungewohnten Stress.

    Dabei hatte ich mich ja zuerst verhört - und ". . . du bist Uber-Fahrer" vernommen, was ich als habitueller Taxi-Konsument sofort in Abrede stellte. Nein, dieses Unternehmen mag ich gar nicht. Daher bin ich mit Taxi-Fahrern rasch solidarisch, wenn es gegen diese für sie höchst unwillkommene Konkurrenz geht. Aber Vorsicht. Ich mag mir ja - Zelig schau oba! - gar nicht vorstellen müssen, wie rasch sich meine Ansichten jenen eines Uber-Fahrers angleichen könnten, säße ich einmal auf dessen Rückbank . . .

    Dann doch lieber U-Bahn. Da finde ich am raschesten zu mir selbst zurück.




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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-10-25 12:51:52
    Letzte Änderung am 2018-10-25 13:33:04


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