• vom 27.10.2018, 11:00 Uhr

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Zustellgeschichte




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Von Matthias G. Bernold


    Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

    Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien. Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

    Zu den großen Legenden, die eines Tages wohl dem Vergessen anheimfallen werden, gehört jene vom lebenslustigen Briefträger, der bei der Arbeit nicht nur Briefe und Pakete überbringt, sondern allerlei mehr.

    Wie viel wahrer Kern diesem frivolen Mythos innewohnt, ist ungewiss. Fest steht allerdings, dass es den Briefträgern von heute so oder so nicht gelingen wird, an die Leistungen ihrer Vorgänger anzuschließen. Eine derart pfiffige Verknüpfung des Nützlichen mit dem Angenehmen ist - das beweist ein Blick auf den Berufsalltag im Zustellwesen - denkunmöglich geworden. Die Zusteller von heute trotten nicht mehr entspannt durchs Straßenbild, sie hetzen in Klein-LKW (seltener auch mit Lastenrädern) durch die Stadt.

    Wenn sie zu Fuß gehen, ziehen sie Handwägen, die sie kaum über die Randsteine hieven können. Die Menge der Pakete ist ebenso enorm wie der Zeitdruck.

    Der Online-Handel hat neue Zustellunternehmen hervorgebracht, die in erbittertem Konkurrenzkampf stehen. Technologie unterstützt sie dabei, immer effizienter und schneller zu werden. Können Sie sich noch an das letzte Mal erinnern, als Sie eine Empfangsbestätigung unterschrieben haben? Ich meine: so richtig altmodisch, mit Kugelschreiber auf Papier?

    Neben der Verwendung technischer Hilfsmittel reagieren natürlich auch die unterbezahlten Zusteller auf den Druck: Wie oft fand sich, obwohl man zu Hause war, ein Zettel an der Eingangstür? "Leider haben wir Sie nicht angetroffen", stand darauf gedruckt. Mit etwas Geschick ließ sich darunter der eigene Name entziffern und eine neue Zustelladresse, meistens ein Handyshop in fünf Kilometern Entfernung, wo das Paket nun abzuholen sei.

    Auch das Anbringen eines Zettels an der Haustür bedeutet allerdings Zeitverlust. Es ist daher nur konsequent, dass auch die Info-Zettel langsam von E-Mails und SMS-Nachrichten abgelöst werden.

    Amazon, das jüngst sein eigenes Zustellservice gestartet hat, geht noch einen Schritt weiter: Weder findet sich ein Zettel an der Tür, noch eine elektronische Benachrichtigung. Erst als ich ungeduldig wartend auf meinem Amazon-Konto die Bestellungen durchklicke, stoße ich auf die kryptische Information: "Die Sendung wurde an einem sicheren Ort abgelegt."

    Originell: Wo dieser sichere Ort sein mag, ward nicht verraten. Könnte ein Nachbar sein. Könnte ein Astloch im Augarten sein. Vielleicht hat der Bote die Sendung auch einfach mit nach Hause genommen. Wer diese Art von Zustellrätsel nicht leiden mag, könnte - dieser Einwand ist gerechtfertigt - natürlich auch zum Geschäft ums Eck gehen. Nur sollte er sich dabei beeilen: Könnte nämlich sein, dass es schon bald ebenfalls ins Reich der Legenden eingeht.





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-10-25 12:51:53
    Letzte Änderung am 2018-10-25 13:31:23


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