• vom 25.10.2018, 20:31 Uhr

Glossen

Update: 29.10.2018, 10:36 Uhr

Satire

Heimatliebe in Zeiten der Choleriker




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Von Severin Groebner

  • Glossenhauer
  • Es ist Nationalfeiertag, wenn ich diese Zeilen schreibe, und es wird Nationalfeiertag gewesen sein, wenn Sie sie lesen. Und das ist schwierig.

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lese bühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen. Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/ glossenhauer

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lese bühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen. Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/ glossenhauer Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lese bühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen. Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/ glossenhauer

Ja, wir wissen es alle: Wir feiern nicht, dass der letzte Russ’ 1955 das Staatsgebiet verlassen hat (nein, die sind noch hier, im Goldenen Quartier, nur anders bewaffnet, mit Geldkoffern), sondern die Nation feiert am Nationalfeiertag den Beschluss der "immerwährenden Neutralität". Aber was ist die Neutralität wirklich? Ein weiser Schritt in Richtung humanistischen Pazifismus? Warum tanzen dann die Panzer des Bundesheeres auf dem Heldenplatz Walzer? Oder ist es nicht doch eher ein großes, Gesetz gewordenes "Ihr kennts uns olle am Oasch leckn"? Es ist schwierig.

Und das ist typisch. Ist es doch eine der herausragendsten Eigenschaften Österreichs, schwierig zu sein.


Sieht man ja schon an der Heimatliebe. Wie soll man sie praktizieren? Angezogen oder nackt? Wo? Im stillen Oberstübchen? Im Freien? Bei den Temperaturen?! Im Keller?

Oder soll man sich einfach das Gesicht schwärzen, in Wien in einen Park setzen und warten, bis die Polizei einen kontrolliert? Nur, um die Beamten dann, wenn sie Ausweis und Taschen kontrolliert haben, mit einem kleinen "Scherzerl! Ich bin nur angemalt! Alles Gute zum Nationalfeiertag!" zu überraschen?

Oder soll man einfach die Umweltministerin hochleben lassen, weil sie die Umweltverträglichkeitsprüfungen ordentlich verwässert? Aber warum da unten dann aufhören? Nein, der Bundeskanzler selbst gehört gelobt, geliebt, gepriesen. Schließlich hat er es nach Hitler, Waldheim, Haider, Hofer und Strache als sechster Österreicher auf das Titelblatt des "Time"-Magazins geschafft. Das macht einen doch so stolz, dass man gleich für HNO-Ärzte ohne Grenzen spenden möchte.

Oder ist es besser, auch an jene zu denken, denen es nicht so gut geht? Vielleicht doch lieber vor dem SPÖ-Parteiquartier Stellung beziehen, mit einem Blumenstrauß in der Hand, und ein selbstverfasstes Gedicht aufsagen? Etwa: "Nelken - welken." Und werden die das verstehen? Oder lieber einen beliebigen FPÖ-Funktionär, der im Internet mit Sturmgewehr posiert oder ein Posting absetzt, das die Worte "erschießen", "aufhängen" oder "vergasen" enthält, voll Zärtlichkeit umarmen? Wenn ja, mit oder ohne Schutzweste?

Oder still und heimlich Taten sprechen lassen. Das Land als solches lieben. Die Mehrheit der Bevölkerung ist stolz auf die Landschaft. Aber wie liebt man die? Soll man sich - wie in der zwischenmenschlichen Liebe - auf den Austausch von Körperflüssigkeiten konzentrieren und in den Attersee pinkeln? Oder besser Berge umarmen? Bäume streicheln? Almen abbusserln?

Oder reicht es, mit der Außenministerin zu tanzen? Oder soll man "schlicht und ergreifend" einfach einmal eine Milliarde Mal dankbar sein für die Einsparungen bei der Zerschla... Zusammenlegung der Sozialversicherungen? Auch wenn es maximal 33 Millionen sind.

Oder einfach 60 Stunden in der Woche durchhackeln? Ist das angewandte Heimatliebe?

Es ist total schwierig. Ich glaub, am schlauesten ist es, es so wie immer zu machen: beim Wirten ein Schnitzel zu bestellen, einen Spritzer dazu, und sich vom Frühpensionisten im Eck als links-linkes Drecksschweinderl titulieren lassen. Da weiß man dann: Da samma daham.




Schlagwörter

Satire, Glossenhauer

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-10-26 17:48:56
Letzte Änderung am 2018-10-29 10:36:59


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