• vom 03.11.2018, 11:00 Uhr

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Katzen im Alter




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Von Stefanie Holzer


    Stefanie Holzer, geb. 1961, lebt als Schriftstellerin in Innsbruck.

    Stefanie Holzer, geb. 1961, lebt als Schriftstellerin in Innsbruck.

    Unsere beiden Katzen sind mittlerweile über zehn Jahre alt. Auf dem Bauernhof meiner Kindheit wären sie schon Methusalems. Aber wenn so eine Katze als Familienmitglied lebt, wird sie nicht selten auch zwanzig Jahre alt. Sorgen haben wir uns bisher, wenn überhaupt, nur um den Kater gemacht. Sein immer wieder tränendes linkes Auge zeigte allzu offen, wie empfindlich er war.

    Die Tierärztin trug uns auf, darauf zu achten, ob sich am Auge Eiter zeigte. Das tat es glücklicherweise nie. Und wir mussten aufpassen, dass er nicht noch dicker wurde. Zwar ließ Kater Maxi seiner Cousine an der Futterschüssel stets den Vortritt, aber dennoch war er es, der zunahm. Lili dagegen blieb dünn und wurde in den letzten beiden Jahren richtiggehend dürr.

    Ein paar Tage vor unserem Urlaub wurde sie krank. Sie erbrach eine ganze Nacht lang alles, was sie zu sich genommen hatte. Eine Bronchitis wurde diagnostiziert, und das Erbrechen sei den Konvulsionen des entzündeten Halses geschuldet. Infusionen und ein Spezialfutter stärkten Lili wieder so weit, dass wir tatsächlich wegfliegen konnten und die Katzen unseren Haushütern überließen. Als wir zurück waren, hatte Lili ein paar Deka zugenommen.

    Lili ist eine fleißige Katze. Sie geht jede Nacht aus und fängt so viele Mäuse, wie sie erwischen kann. Ohne Lili hätte ich meinen Gemüsegarten längst aufgeben müssen. Denn Maxi beschränkt sich bei dieser Art der Arbeit auf gelegentliches Durchgreifen gegen allzu dreiste Mausartige. Er ist Lili also keine große Hilfe. Vielleicht tut sie sich nun im höheren Alter schwerer beim Mäusefangen. Sie gibt aber nicht nach und lauert so lange, bis sie doch noch eine erwischt.

    Als der herbstliche Regen zu guter Letzt doch noch kam, harrte Lili dennoch jede Nacht draußen aus, bis sie endlich eine Maus fangen konnte. Nach ein paar solchen Nächten erbrach sie sich wieder. Diesmal stellten wir ohne tierärztliche Hilfe das Futter um: zuerst Topfen, dann weiches Katzenfutter, und das zu jeder Tages- und Nachtzeit.

    Nun hat sie sich angewöhnt, mich jede Nacht gegen vier Uhr zu wecken. Wir gehen hinunter in die Küche und ich serviere eine Zwischenmahlzeit auf einem angewärmten Teller. Dieser Service ersetzt offenkundig Lilis nächtliche Maus-Mahlzeiten. Die Beckenknochen spürt man immer noch beim Streicheln, aber sie sind nicht mehr ganz so scharfrandig wie noch vor Kurzem. Es geht ihr besser.

    Das merkt man auch daran, dass sie in ihrem Alter neue Gewohnheiten entwickelt: Neuerdings ruht sie gern in einem Spannleintuch, das seit einiger Zeit auf dem Wäscheständer hängt. Für Lili ist das Leintuch eine Hängematte. Wenn sie herauskrabbelt, sieht sie wieder jung aus.





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-11-02 11:43:02
    Letzte Änderung am 2018-11-02 13:04:47


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