• vom 04.11.2018, 11:00 Uhr

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Wer zuckt, verliert




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Von Holger Rust


    Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

    Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover. Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

    Ehrlich gesagt gefällt mir das Motto dieser Typen in Silicon Valley, die jedem, der es hören will und vielen, die das nicht wollen, ihre Philosophie mit dem Sprüchlein "To make the world a better place" zusammenfassen.

    Zugegeben, so ganz gelungen ist das bis jetzt nicht, aber wir sind ja auch alle noch nicht künstlich intelligent genug, und daher dauert das vielleicht noch. Die Idee ist, um es wienerisch auszudrücken, dennoch nicht ganz so blöd. Und deshalb habe ich mir vor einiger Zeit vorgenommen, das Motto analog umzusetzen, und die Welt Stück für Stück ein wenig zu einem besseren Platz zu machen.

    Seitdem renne ich lächelnd durch die Gegend, komme, was oder wer da wolle. Und da kommen viele, aus der entgegengesetzten Richtung, meist mit einer Miene, die dokumentiert, dass man besser aus dem Weg geht. Bisher habe ich das nicht getan, wer bin ich denn? Und außerdem stamme ich aus einer Generation, die mit dem Spiel Mikado groß geworden ist - wer zuckt, verliert.

    Und doch ist es interessant, dieses Gehabe einmal auszusetzen, um ein Beispiel zu geben. Wenn mir nun also einer mit dieser Mikadospielermiene entgegenkommt, trete ich lächelnd zur Seite und lasse ihn (oder auch sie) generös vorbei. Wenn jemand an der Ampel durch kleine Gasstöße den Motor aufheulen lässt, um die Wettbewerbsfähigkeit seines tiefergelegten Fahrzeugs unter Beweis zu stellen und einen Quickstart avisiert, bleibe ich, während der selbst ernannte Kontrahent Gummi gibt, gelassen und cruise bedächtig los. Und ich lächle, wenn wir an der nächsten Ampel zum erneuten Showdown wieder nebeneinanderstehen.

    Und wenn jemand einen Spurt zur Baumarktkasse durch die Nebengassen einleitet, um vor mir dranzukommen, weise ich ihn mit einem "Bitte sehr" an, sich gern vor mir einzureihen, wiederum mit diesem Lächeln, das die Welt inklusive Baumärkten zu einem besseren Platz machen soll. Denn eigentlich ist es meine Idee, ein Beispiel zu geben, das dann auch nachgeahmt wird.

    Nun aber das "Aber": Keiner lächelt zurück, niemand hat mich je im Baumarkt vorgelassen. Auf den Gehwegen ist man missmutig angesichts dieses Losers, der freiwillig zur Seite tritt und damit die Spielregeln ignoriert. Kopfschüttelnd gehen sie vorbei, statt auch zur Seite zu gehen, um die Welt zu einem besseren Platz zu machen. An den Ampeln blicke ich in saure Gesichter, weil ich denen den Triumph versaut habe. Überall schlechte Laune, schlechter als zuvor.

    Und nun? Strategiewechsel! Zumindest an der Ampel. Und zwar mit dem Elektroauto, und ich kann verraten, nicht dem schlechtesten. Sofort die volle Motorleistung, von null auf hundert in vier Sekunden. Geräusche: keine. Daneben: ein 3,7 Liter Biturbo Diesel mit vier Endrohren, aus denen herrliche Provokationen dröhnen. Und dann los, lächelnd. Ist ja für den guten Zweck, wenn auch nach drei Starts die Batterien schwächeln.





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    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-11-02 11:43:06
    Letzte Änderung am 2018-11-02 13:08:06


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