• vom 26.02.2008, 18:23 Uhr

Kommentare


Grenzgänge Von Martyna Czarnowska

Türban-Turbulenzen an türkischen Universitäten




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief





  • Das bunte Tuch straff um Hals und Kopf gebunden; kein Haar zu sehen, keine Haut zwischen Schlüsselbein und Kinn. Was auf den Straßen keine Seltenheit ist, war bis vor kurzem auf Universitäten undenkbar - zumindest in der Türkei. Doch nachdem Staatspräsident Abdullah Gül in der Vorwoche die vom Parlament beschlossene Aufhebung des Kopftuchverbots an Hochschulen gebilligt hat, dürfen Studentinnen nun bedeckt ihre Seminare besuchen. Als "Bilder des Tages" zeigten türkische Medien junge Frauen mit Kopftuch, die neben ihren unbedeckten Kolleginnen in den Vorlesungssälen sitzen.



Doch nicht an allen Universitäten war so etwas zu sehen. Denn zahlreiche Rektoren widersetzen sich der Aufhebung des Verbots. Sie sind der Meinung, eine Verfassungsänderung reiche nicht aus; auch das Hochschulgesetz müsse adaptiert werden, das die Richtlinien für Universitäten festlegt. So forderten Wachposten an den Toren zu etlichen Hochschulen in Istanbul und Ankara eintretende Studentinnen auf, ihr Kopftuch abzulegen.


Eine andere Meinung vertritt da Yusuf Ziya Özcan, seit wenigen Monaten Präsident der Hochschulbehörde YÖK und der konservativen islamisch geprägten Regierungspartei AKP nahestehend. Es sei ein Verbrechen, Mädchen mit Kopftuch das Recht auf Bildung vorzuenthalten, erklärte er - und pochte auf die Umsetzung der neuen Regelung.

*

Schon in den 80er-Jahren intensivierte sich die Debatte um das Kopftuchverbot an Schulen, Universitäten und in öffentlichen Ämtern. Damals waren Hochschulen nicht mehr nur den säkularen urbanen Eliten vorbehalten; dorthin drängten auch immer mehr Mädchen aus konservativen Familien, die aus ländlichen Gebieten stammten.

Ihr Selbstbewusstsein wuchs mit dem relativen Wohlstand, den das türkische Wirtschaftswachstum in den vergangenen Jahren dem Mittelstand gebracht hatte - und mit dem Erstarken der AKP. Das Kopftuch erhielt neben seiner religiösen auch eine politische Bedeutung. Und es bekam einen weiteren Namen: "türban". Es soll das sorgfältig um Kopf und Hals drapierte Stück Stoff von dem lose gebundenen unterscheiden.

Das Tauziehen zwischen islamisch geprägten Kreisen und Kemalisten, die vor einer schleichenden Islamisierung des Landes warnen, spiegelt sich auch in den Medien. Während die der AKP nahestehende Zeitung "Zaman" den Kopftuch-skeptischen Rektoren Verfassungsbruch vorwirft, schreibt die liberalere "Milliyet" lediglich von einem "Chaos auf den Universitäten".

Weit seltener als all die männlichen Juristen, Politiker und Kommentatoren kommen jene zu Wort, die es am meisten betrifft: Frauen. Und das ist nicht nur in vielen Medien so. Im Parlament mit seinen 550 Mitgliedern sitzen nur 50 Frauen. In manchen Gebieten des Südostens kann jede zweite Frau nicht lesen und schreiben.

Im "Bericht über die Kluft der Geschlechter 2007" - der die Bereiche Wirtschaft, Politik ebenso wie Gesundheit und Bildung untersucht - reiht das Weltwirtschaftsforum die Türkei auf Platz 121 von 128. Wie viel Mitspracherecht Frauen in der Kopftuch-Frage haben, wurde noch nicht gemessen.



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2008-02-26 18:23:10
Letzte Änderung am 2008-02-26 18:23:00

Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Weinverbot für Österreich!
  2. Aus Hochmut nichts gelernt?
  3. Unbequeme Ruanderin
  4. Gerechtigkeit durch Milliarden
  5. Von wegen nichts zu verschenken
Meistkommentiert
  1. Weinverbot für Österreich!
  2. Der Rat des Beirieds
  3. Blase? Wieso Blase?
  4. Es ist gar nicht kalt draußen?

Werbung




Werbung