• vom 24.10.2014, 17:22 Uhr

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Glücksspiel




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Von Isolde Charim

  • Gastkommentar von Isolde Charim
  • Der Kasino-Kapitalismus des kleinen Mannes.

Der Mann an der Supermarktkasse hat es mir erklärt: Er spielt Lotto. Jede Woche. Denn er hat einmal etwas gewonnen und jetzt versucht er es immer wieder. Alle Umstehenden stimmten ein. Das Glückspiel hat unglaubliche Ausmaße angenommen.

Für die psychische Seite, also für Erleben und Motivation des Einzelnen, gilt: Zuerst, vor dem Spiel, sind alle gleich. Mit einem geringen Einsatz ist jeder dabei. Und alle haben die gleiche Chance. Dies ist ein wichtiges Moment: Alle Spieler, so der Spieletheoretiker Roger Caillois, begeben sich gleichermaßen in die Hand des Zufalls. Alle Spieler unterwerfen sich dem blinden Spruch des Schicksals. Unterwerfen deshalb, weil die Spieler ja völlig passiv sind. (Außer jene, die mit dem Aberglauben "arbeiten" und versuchen, den Ablauf vorherzusehen.) Blind ist der Spruch aber, weil er ohne Ansehung von Qualifikation oder Talenten ergeht. Es ist reine Willkür, wer gewinnt. Eine Willkür ohne jede Intention. Jeden kann es treffen - auch darin sind alle gleich. Jeden kann das Lottoschicksal erwählen - wie meinen Freund an der Kassa. Vor allem aber gilt: Weder gewinnen noch verlieren sind ein moralisches Urteil. Erfolglosigkeit ist kein Versagen, sondern einfach Pech. Das kann sich jeder eingestehen. Insofern geht es gewissermaßen nicht nur ums Gewinnen, sondern auch ums Verlieren. Es ist ein völlig wertfreies, ein gesellschaftlich akzeptiertes Verlieren. (Das betrifft natürlich nicht Wettspiele mit hohen Einsätzen, die ganze Existenzen ruinieren können.) Damit sind wir bei der gesellschaftlichen Funktion des kleinen Glücksspiels.


Es gibt heute zwei Arten, Ungleichheit gesellschaftlich zu rechtfertigen: Verdienst und Zufall. Die ältere Version ist die des Verdienstes - die Vorstellung, die Leistung, die man erbringt, bestimme den gesellschaftlichen Status. Die Vorstellung also, es gäbe eine irgendwie gerechte Entsprechung zwischen dem, was man kann und tut, und dem sozialen Rang, den man einnimmt. Darauf beruhen in etwa alle Bildungsdiskussionen, die sich von höherer Bildung höhere Chancen versprechen. Ohne Fleiß kein Preis - der Spruch unterstellt, dass der Preis auch tatsächlich auf den Fleiß rückführbar ist. Ungleichheit ist damit Folge unterschiedlicher Leistung. Dieser Glaube an den Verdienst ist zentral für die Demokratie: Darin übersetzt sich das bürgerliche Ideal eines gerechten Tauschs in die gesellschaftliche Ordnung. Meritokratie nennt man es, wenn man bekommt, was man "verdient".

Heute gerät diese Meritokratie in die Defensive. Ungleichheit wird immer weniger meritokratisch - also aufgrund von Verdiensten und Talenten - gedeutet. Das Prinzip, das an die Stelle tritt, heißt: Erfolg. Der Erfolg entscheidet über sozialen Rang und Status. "Der Markterfolg", so der Soziologe Sighard Neckel, "entthront die bürgerliche Meritokratie." Dieser Erfolg verdankt sich keiner Leistung, sondern purem Glück. Zufall wird zu einer zentralen Kategorie. Kapitalismus ist heute die Verbindung von Ökonomie und Spiel. Im Spiel selbst hat der Rückgriff auf die Chance damit einen anderen Status: Das Glücksspiel ist der Kasino-Kapitalismus des kleinen Mannes. Der Jackpot beträgt diese Woche übrigens 182 Millionen Euro.




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Dokument erstellt am 2014-10-24 17:26:08


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