• vom 01.05.2015, 16:52 Uhr

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Eine differenzierte Sicht auf den IS und den Islam




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    Selbst den dümmsten Kulturwissenschaftern ist klar, dass die Terrororganisation IS leider mehr ist als ein intellektuelles Konstrukt. Über das Eingangsszenario der Glosse von Hermann Schlösser ("Extra" vom 18. April) konnten wir herzhaft lachen, und es ist auf den ersten Blick sehr treffend. Jedoch werden - unvermeidbar in der Kürze eines Witzes - die Ursachen ausgeklammert, die zu all dem Chaos im Nahen Osten geführt haben, genau jene nämlich, die von der postkolonialen Theorie aufgezeigt werden.

    Der Befürchtung, mit dem Witz in eine islamophobe Schublade gesteckt zu werden, können wir entgegenhalten, dass Kritik an der Terrororganisation IS allseits erwünscht ist. Und Leute, die Terrorismus kritisieren, werden nicht pauschal als islamfeindlich verurteilt, auch nicht an Universitäten. Die Forderung, den Islam differenziert zu betrachten, ist nicht das Gleiche wie eine Blindheit gegenüber Gräueltaten. Und der Versuch zu verstehen, wie so eine terroristische Bewegung entstehen kann, bedeutet nicht zugleich deren Verteidigung.


    Die Bedenken wegen des Begriffs Islamophobie teilen wir und verwenden ihn genau wegen der pathologischen Konnotation nicht mehr - wenngleich das Islamkritische manchmal durchaus schon krankhaft wirkt. Stattdessen ist in den Sozial- und Kulturwissenschaften eher von Islamfeindlichkeit und Antiislamismus die Rede, seltener von Antimuslimismus oder Muslimfeindlichkeit.

    Dem Zitat von Bruno Schirra möchten wir teils widersprechen: Das Chaos, in dem der Nahe Osten versinkt, ist kein Glaubenschaos. Die Religion ist bloß ein Vorwand, es geht um Macht, Einfluss, Ressourcen, um Geld und die Vorherrschaft im Großraum.

    Im Feuilleton scheint es in Mode zu kommen, Edward Said dafür verantwortlich zu machen, dass weder die westlichen noch die arabisch-islamischen Länder dem IS-Vormarsch Einhalt gebieten können. Das hat Edward Said nun erstens wirklich nicht verdient und zweitens ist es eine Überschätzung seines Einflusses. Auch wenn wir ihm die These verdanken, dass der Orientalismus nichts anderes sei als eine westliche Erfindung, ist selbst den dümmsten Kulturwissenschaftern klar, dass die Terror-Organisation IS leider mehr ist als ein intellektuelles Konstrukt.

    Ingrid Thurner, Institut für
    Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien

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    Dokument erstellt am 2015-05-01 16:56:07



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