• vom 21.11.2017, 17:44 Uhr

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Von Walter Hämmerle

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  • Vom journalistischen Dilemma des Stillschweigens bei hochgeheimen Koalitionsverhandlungen.



Koalitionsverhandlungen sind besondere Zeiten angespannter Überreiztheit. Das betrifft nicht nur die direkt betroffenen Verhandler, die sich, wenn es blöd läuft, quälend lange Nächte und nicht viel kürzere Tage in stickigen Räumen um die Ohren schlagen müssen, allzeit bereit, die Fallstricke des Gegners rechtzeitig zu erkennen und selbst möglichst unauffällig die eigenen im politisch sensiblen Gelände auszulegen. Bemerkenswerterweise sind auch die professionellen Beobachter dieser Szenerie jederzeit willig, sich für die eine oder andere Seite einzubringen. Koalitionsverhandlungen sind deshalb der Höhepunkt jener gar nicht so seltenen Zeiten, in denen Schein und Sein der innenpolitischen Wirklichkeit besonders weit auseinanderliegen.

Was uns direkt zu einer weiteren austriazistischen Besonderheit im Zusammenspiel des politisch-medialen Komplexes führt: die ausgeprägte Neigung zu Verschwörungs-
theorien.


Sieht man einmal von den subjektiven Zuschreibungen ab, denen sich niemand wirklich entziehen kann, spricht ein etwas nüchterner Blick auf das politische Verhalten der Parteien konterintuitiv dafür, dass doch eher alle aus dem gleichen Holz geschnitzt sein dürften. So gut können die Verbindungen einer Partei oder von mir aus auch Bewegung zu den Medien gar nicht sein, dass sie nicht trotzdem den Eindruck hat, sie, ausgerechnet sie, werde ständig das Opfer eines irgendwie unfairen medialen Prügels ins Kreuz.

Da stellt sich für die unglücklich Geprügelten natürlich immer zuallererst die Frage: Ist diese Gemeinheit nun ein Ausfluss der Niedertracht des jeweiligen Mediums respektive Journalisten, oder steckt der politische Gegner hinter der Geschichte? Ob in der Sache vielleicht ein Körnchen Wahrheit und sogar mehr steckt, spielt bei der nun einsetzenden subjektiven Bewertung die geringste Rolle.

Das hat natürlich fatale Folgen für die eigene Selbstwahrnehmung und kann so weit gehen, dass sich sogar manche bei den Grünen und Peter Pilz höchstpersönlich am Ende als Opfer einer obskuren, auf jeden Fall aber hinterhältigen Verschwörung empfinden konnten. Dabei erfreuten sich beide über Jahrzehnte hinweg einer äußerst gedeihlichen Zusammenarbeit mit den Strukturen der organisierten Öffentlichkeit.

Aber zurück zum journalistischen Dilemma von Koalitionsverhandlungen, bei denen sich die Parteien darauf verständigen, die Medien allenfalls zizerlweise über den Stand der Dinge auf dem Laufenden zu halten. Einfach abzuwarten, bis weißer Rauch aufsteigt, der ein Ende der Verhandlungen anzeigt, passt nicht wirklich zum Selbstbild von Journalisten.

Zu diesem gehört aber auch, dass überprüft wird, was einem von irgendwoher zugetragen wird. Aber wie und von wem, das ist nicht leicht zu sagen, wenn nun einmal Stillschweigen zwischen den Verhandlern vereinbart ist. Bleibt eigentlich nur die Prüfung auf weltanschauliche und sachliche Plausibilität des Durchgestochenen. Nur könnte das schon genügen, der Geschichte den Garaus zu machen.

Aber Rettung naht. Rund um den
15. Dezember soll es eine Einigung geben. Heißt es. Ganz sicher.




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Dokument erstellt am 2017-11-21 17:47:06


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