• vom 04.05.2018, 17:24 Uhr

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Polen

Ukrainer verzweifelt gesucht




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Von Martyna Czarnowska

  • East Side Stories
  • Polens Regierung lobt sich für die Aufnahme hunderttausender Migranten - doch die kosten sie kaum etwas. Vielmehr profitiert die Wirtschaft.



Oksana lebt seit vier Jahren in Polen. Mit ihren Kindern ist die Ukrainerin nach Warschau gezogen; auch ihre Schwester wohnt mittlerweile dort. Oksana gefällt es in der polnischen Hauptstadt; sie mag ihren Job als Friseurin in einem schicken Salon etwas außerhalb des Zentrums. Aber etwas bedauert sie: dass sie ihre Eltern nicht so oft besuchen kann, wie sie es gerne wollte. Diese wohnen zwar in einem Städtchen im Westen der Ukraine, nur einige Autostunden von Warschau entfernt. Doch die Wartezeit an der Grenze beträgt das Doppelte davon. Vor allem bei der Einreise nach Polen, das eine Außengrenze der EU bewachen soll, können es schon zehn, zwölf Stunden werden. Oksana fährt daher nicht mehr oft in ihre Heimatstadt.

Wie Oksana haben hunderttausende Ukrainer in den vergangenen Jahren ihren Wohn- und Arbeitsort nach Polen verlagert. Doch nicht alle haben wie sie ihren Aufenthaltsstatus legalisiert, sind versichert, zahlen Sozialabgaben und Steuern. Und nicht alle können mit ihren Jobgebern und den Bedingungen, unter denen sie arbeiten müssen, zufrieden sein. In den Medien tauchen immer wieder Berichte von schwarz beschäftigten Ukrainern auf, von extremer Ausbeutung und menschenunwürdiger Unterbringung bis hin zu sklavenähnlichen Zuständen auf abgeschotteten Firmengeländen.


Unterdessen hält die nationalkonservative Regierung in Warschau an dem Narrativ fest, dass Polen bis zu zwei Millionen Menschen aufgenommen habe und es daher nicht gezwungen werden dürfe, weitere Flüchtlinge unterzubringen. Die Migration aus dem Nachbarland wird mit der Debatte um die Verteilung von Asylwerbern innerhalb der EU vermengt. Immerhin herrsche im Donbass, im von Russland beeinflussten Osten der Ukraine, ja auch Krieg, daher können die Ankömmlinge von dort sehr wohl als Kriegsflüchtlinge bezeichnet werden, ist die Argumentation in Warschau. Und was die legale Migration anbelange, nehme Polen EU-weit die meisten Menschen auf.

Nicht dazugesagt wird, dass der Staat für die wenigsten von ihnen aufkommt, dass er nicht Mittel für Unterkunft, Verpflegung, Ausbildung, Integration hunderttausender Ukrainer aufbringt. Vielmehr tragen diese zur wirtschaftlichen Entwicklung Polens bei. Wie sehr manche Unternehmen auf sie angewiesen sind, zeigen aktuelle Zahlen des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) und der Polnischen Nationalbank. Von einer "Explosion der Nachfrage nach ausländischen, insbesondere ukrainischen Arbeitskräften" schreiben die Experten gar. So hätten im Vorjahr Firmen das Interesse an der Beschäftigung von rund 1,8 Millionen ausländischen Arbeitnehmern bekundet, von denen 94 Prozent Ukrainer waren. Doch seien nach offiziellen Angaben lediglich 267.000 neue personalisierte Arbeitserlaubnisse erteilt worden, vier Fünftel davon für Ukrainer. 2017 hielten sich eine knappe Million Menschen aus dem Nachbarland in Polen auf - wobei wohl weitere Arbeitskräfte sich den offiziellen Aufzeichnungen entziehen. So gut wie alle kamen übrigens aus dem Westen der Ukraine - und nicht dem konfliktbeladenen Osten.




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Dokument erstellt am 2018-05-04 17:30:46



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