• vom 14.09.2018, 12:16 Uhr

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Update: 17.09.2018, 12:27 Uhr

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Wir brauchen mehr Lovestorms




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Von Eva Zelechowski

  • Eine Twitter-Motivationsaktion für einen Schüler geriet etwas außer Kontrolle. Ein Kommentar über die Dynamik und Relevanz von Lovestorms.

Eva Zelechowski ist Online-Redakteurin der Wiener Zeitung.

Eva Zelechowski ist Online-Redakteurin der Wiener Zeitung.© Christian Lendl Eva Zelechowski ist Online-Redakteurin der Wiener Zeitung.© Christian Lendl

In dieser Woche erlebte Austrotwitter wieder ein kleines Beben. Anders als sonst empörte sich die österreichische Twitter-Community diesmal nicht, sondern jubilierte. Eine Daumendrück-Aktion für den 16-jährigen Schüler Maximilian am Tag seiner Latein-Wiederholungsprüfung schlug größere Wellen als erwartet. Ohne dass er es selbst initiierte. Aber das Internet hat bekanntlich seine eigene Dynamik.

Der Support-Hashtag #VeniVidiMaxi führte innerhalb weniger Stunden die österreichischen TrendingTopics an. Virale Phänomene wie diese kommen vor allem als Shitstorms vor, also als Gegenteil eines Solidaritätssturms. Dieses Mal sollte es anders, positiv, sein. Dann die frohe Botschaft: Er hat es geschafft! Unter den hunderten Gratulanten waren Bundespräsident Alexander Van der Bellen (per Tweet) und ORF-ZiB2-Anchorman Armin Wolf, der den Zusehern im Abspann der Nachrichtensendung schon öfter Internet-Phänomene als Schlussgag präsentierte und diesmal dem jungen Mann zur bestandenen Prüfung gratulierte.

Nun fragten sich einige User: Warum wurde das kollektive Daumendrücken für einen Schüler so aufgebauscht? Wieso ist dieses Ereignis überhaupt relevant?

Wann etwas eskaliert - positiv oder negativ - kann man nicht planen. Es passiert. Weil der aufgeweckte Bursche ein Sympathieträger ist möglicherweise. Schlau, witzig und nett. Er lernt den Sommer über und holt sich abseits seines privaten Umfelds dort Motivation und Unterstützung, wo andere vor ihm schon das Gleiche taten. Beim Versuch, mit dem Rauchen aufzuhören etwa. Ein Beispiel: #Klenkschafftdas. Florian Klenk ist Chefredakteur des Wiener Stadtmagazins "Der Falter" und wählte das Internet mit seinem gewaltigen Interaktionspotenzial, um sich von Freunden, Kollegen und ihm wohl gesinnten Usern Unterstützung in Form von Faves (Herzchen) zu holen. Rauchen ist ungesund. Also faven wir. Heute hat es Klenk geschafft. Seit mehr als sechs Jahren ist er rauchfrei. Gratulation!
Ähnlich war vielleicht der Motivations-Gedanke bei dem Schüler. Gemeinsames Hoffen auf ein positives Ergebnis bewegt die Netz-Community. So wäre etwa die Relevanz für eine solche "positive Eskalation" zu erklären. Im Internet dominieren jedoch Hasspostings, Fake News, negative Nachrichten. Wie viel Zeit wenden wir dafür auf, uns digital zu empören und wie oft blicken wir freudestrahlend auf das Display? Das Verhältnis ist unausgewogen.

Das bestätigt auch Michael Roither, Vizerektor und Medien-Professor an der FH Burgenland im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Medien würden sogenannte Lovestorms und die "positive Welt der Emotionen" deshalb gerne aufgreifen, weil sie damit die negative Nachrichtenlage etwas ins Gleichgewicht bringen. "Aber man weiß, dass Negativität für die meisten Menschen einen viel stärkeren Newswert hat als positive Nachrichten", sagt Roither und erklärt, warum so ein für die Öffentlichkeit nicht unbedingt relevantes Ereignis von mehreren Massenmedien übernommen wurde. "Sowohl Love- als auch Shitstorms werden deshalb zu Stürmen, da sich dahinterliegende Informationen emotional ablösen und dann zu einem entweder überschwänglich positiven oder negativen Schwall an Emotionen führen. Selbst wenn es planbar wäre, wäre es nicht kontrollierbar, weil sich kollektive Emotionen kaum kontrollieren lassen", so der Medienexperte.

Außer Kontrolle war es für den sonst sehr medienkompetenten 16-Jährigen spätestens dann, als er sein Foto auf der Studio-Wand hinter dem Journalisten Armin Wolf sah. Hätte die ZiB2-Redaktion ihn oder die Eltern um Genehmigung für eine Erwähnung fragen sollen? Wolf wollte dem Jugendlichen "eine Freude machen", sagt er. Der junge Twitterant freute sich sichtlich über die positive Resonanz von #VeniVidiMaxi. Danach kamen ihm aber Zweifel. Nach ein paar Stunden Freudenrausch zeigte er sich reflektiert. Ihm wurde der ganze Hype unheimlich.

Etwas bedenklich ist es schon, dass wir täglich unsere Witzchen im Netz reißen, die abends vor einem Millionenpublikum im Fernsehen auftauchen können. Maximilian hätte, wie er zur "Wiener Zeitung" sagt, der ZiB2-Redaktion vorab zwar das OK gegeben. Mit dem Wissen über das Ausmaß betont er im Nachhinein, es sei ein Fehler gewesen. Der Schüler war sich nicht darüber im Klaren, was da auf ihn zurollte.

Wir dürfen nicht aus den Augen verlieren, welche Verantwortung wir beim Posten tragen. Egal ob es Verletzung anderer User oder unerwartete kurze Berühmtheit ist. Diese Medienkompetenz müssen wir noch erlernen. Am besten von klein auf.

Ein weiterer Teil dieses 15-minute-fames war ein sehr Internet-typischer: Sehr rasch waren auch negative Konsequenzen wie Spott um Bedeutung einer Wiederholungsprüfung und Neid um Aufmerksamkeit zu beobachten. "Twitter ist ein unglaublich guter Brandbeschleuniger", erklärt Medienexperte Roither. Im Gegensatz zur Offline-Kommunikation kämen einige Faktoren hinzu, die eine Debatte ordentlich anfachen können: "Dinge, die du nie schreiben würdest, sondern nur sagen, schreibst du und sie können zur kollektiven Emotionalisierung beitragen, weil sie von anderen permanent gesehen und geteilt werden."

Gerade weil im Netz so viel gehasst wird, brauchen wir positive Nachrichten. Eine bestandene Prüfung ist das allemal. Und wer weiß? Vielleicht hat er den Nachzipf auch ein bisschen wegen uns bestanden? Dann brauchen wir viel mehr Lovestorms.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-14 12:12:27
Letzte Änderung am 2018-09-17 12:27:21


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