• vom 08.01.2019, 17:23 Uhr

Leitartikel

Update: 09.01.2019, 20:27 Uhr

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Rasend vor Wut




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Von Walter Hämmerle

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Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung". Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Man sollte nie Gefahr laufen, die eigenen Sonntagsreden und all die lyrischen Beschwörungen gemeinsamer Werte für eine korrekte Beschreibung der Wirklichkeit zu halten. Politisch motivierte Gewalt feiert fröhliche Urstände; auch in Europa.

Bei den Tätern zwischen "Guten" und "Bösen" zu trennen, wäre absurd. In Europa, auf dem Gebiet der EU, gibt es nirgendwo Zustände von Recht- und Machtlosigkeit, die auch nur im Ansatz körperliche Gewalt gegen politisch Andersdenkende rechtfertigen könnten. Schon gar nicht in Deutschland, wo jetzt vermummte Täter einen Landesvorsitzenden der AfD brutal niedergeschlagen und erheblich verletzt haben `); die Behörden gehen von einer politisch motivierten Tat aus. Nicht in Frankreich, wo seit Wochen im Schutz der "Gelbwesten"-Proteste Links- wie Rechtsextremisten massive Gewalttaten begehen. Und auch nicht in Griechenland, wo es fast schon zur landesüblichen Folklore gehört, dass Anarchisten Sprengstoffattentate gegen unliebsame Einrichtungen und Personen verüben. Die brennenden Barrikaden und Tränengaswolken, die Gipfeltreffen der globalen Eliten verlässlich begleiten, muten da fast schon wie lieb gewonnene Rituale an.

Information

*) Anmerkung: Mit dem Kenntnisstand vom 9.1. stellt sich der Angriff sowohl nach den Aussagen der Polizei wie der AfD weniger drastisch dar.

Das sind natürlich nur die Spitzen einer sehr viel breiteren Entwicklung. Allzu simple Schlüsse, wonach rhetorische Aggression nur die Vorstufe zu physischer Gewalt darstelle, reichen als Erklärung sicher nicht aus. Man kann heftig streiten und trotzdem das Gebot der strikten Gewaltfreiheit einhalten. Trotzdem ist offensichtlich, dass die "Firewall" zwischen Worten und Taten zunehmend durchlässig wird.

Die Ursachen dafür sind zweifellos vielfältig und komplex. Es spricht aber einiges dafür, dass der Einfall der enthemmten Sozialen Medien in die öffentliche Sphäre das gesellschaftliche Klima, um es vorsichtig zu formulieren, nicht gerade entspannt hat.

In Großbritannien kann die Wissenschaft derzeit einen Feldversuch an einer gesamten Nation durchführen. Die Brexit-Entscheidung bringt nicht nur die demokratischen Institutionen der ältesten Demokratie aus der Balance, sondern auch den hochgradig politisierten Teil ihrer Bürger aus ihrer sprichwörtlichen Contenance. Gegen die Tat eines Einzeltäters, wie des Mörders der Brexit-Gegnerin Jo Cox, gibt es nirgendwo absolute Sicherheit; aber jetzt, in der kritischen Phase des Austrittsprozesses, steigt die Zahl von wüsten Beschimpfungen und handfesten Drohungen gegen die britischen Abgeordneten bedenklich an. Eine schockierende Erfahrung für das Vereinigte Königreich.

Politik und Medien wären überfordert, allein einen Ausweg aus dieser Spirale zu finden. Das geht schon jeden Bürger an. Höchstpersönlich.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-01-08 17:35:19
Letzte Änderung am 2019-01-09 20:27:09


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