• vom 26.11.2015, 17:39 Uhr

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Update: 26.11.2015, 18:38 Uhr

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Unser größtes Problem




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Von Walter Hämmerle

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Walter Hämmerle

Walter Hämmerle Walter Hämmerle

Die jüngere Vergangenheit und aktuelle Gegenwart erwehren sich mit beeindruckendem Erfolg gegen jegliche Versuche, diesen ein schlüssiges Welterklärungsmodell überzustülpen. Die Beinahe-Implosion der entfesselten Finanzmärkte 2007 ff erschütterte die Selbstgewissheit der marktliberalen Konservativen. "Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat", formulierte es der 2014 verstorbene konservative Querdenker Frank Schirrmacher. Der blindwütige, wahllose und deshalb zutiefst unpolitische - jedenfalls im westlichen Verständnis des Begriffs - Terror des globalen islamistischen Dschihads entwickelt eine ähnliche Wirkung für das Erkenntnismodell der progressiven säkularen Linken.

Kurz: Das bisher noch kurze 21. Jahrhundert war keine gute Zeit für unsere Fähigkeit zu verstehen, in was für einer Welt wir leben. Damit sind die Schmalspur-Ideologen der heimischen Innenpolitik, die seit Jahren lamentieren, dass die SPÖ doch keine linke und die ÖVP keine christdemokratisch-konservative Kraft mehr sei, nicht gemeint. Und zwar ausdrücklich.


Man kann über den Verlust der allzu engstirnigen Deutungskategorien erleichtert sein, einfacher macht es den Blick auf die Probleme der Gegenwart nicht. Zu wissen, was Menschen antreibt - sei es Geld, Wohlstand (was nicht das Gleiche ist), Macht, das Streben nach Glück, Wut, Angst, die Hoffnung auf Erlösung oder mehreres zugleich -, ist nicht die unwesentlichste Voraussetzung dafür, bestehende Probleme zu lösen. Ohne taugliches Erklärmodell, ohne schlüssige Kausalität zwischen Missstand und Lösungsversuch taumelt Politik hilf- und richtungslos dahin. Man kennt das. Bei der Suche nach neuen - und tauglicheren - Hypothesen für den Verlauf der Ereignisse sollte man jedoch nicht noch einmal die alten Fehler wiederholen: Wir sind zu komplex für simple Behauptungen, das gilt für sämtliche Beziehungen zwischen Privat und Staat, dem Ich und dem Wir sowie für den Umgang mit Neuem und Fremdem.

Diese Suche nach schlüssigen Erklärungen kann allerdings nur gelingen, wenn möglichst viele unterschiedlich Betroffene miteinander reden und streiten. Da ist es einigermaßen unpraktisch, dass uns die Orte - virtuelle wie reale - abhanden gekommen sind, wo dies statfinden könnte. Am liebsten reden die miteinander, die ohnehin die gleichen Ansichten vertreten. Trotz Kommunikationsexplosion. Das ist das größte Problem.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-11-26 17:44:06
Letzte Änderung am 2015-11-26 18:38:26


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