• vom 22.06.2017, 16:49 Uhr

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Update: 22.06.2017, 17:12 Uhr

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Von Walter Hämmerle

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Walter Hämmerle

Walter Hämmerle Walter Hämmerle

Wie sollen wir, als Bürger und als Medien, mit Äußerungen von Politikern umgehen, die offensichtlich nicht ernst zu nehmen sind? Etwa, weil sie mit der Realität auf Kriegsfuß stehen. Oder weil sie mehr Schaden als Nutzen anrichten würden. Oder weil sie überhaupt keinen Sinn ergeben. Gemeint sind nicht visionäre Skizzen eines fernen politischen Ziels, so in der Art von Martin Luther Kings "I have a dream".

Die Frage ist wichtig, erstens, weil das Land im Wahlkampf steht und also die politische Macht neu verteilt wird; und zweitens, weil das Problem alle Parteien betrifft, manche allerdings mehr und andere weniger.


Gibt es also eine ungeschriebene Pflicht für Qualitätsmedien, sich auf jeden vernunftbefreiten Sager eines wahlkämpfenden Politikers zu stürzen und diesen nach allen Regeln der journalistischen Kunst auseinanderzunehmen? Empörung inklusive, selbstverständlich. Und was, wenn Medien sich entschließen, sich aus diesem aussichtslosen Wettrennen zwischen dem Hasen und dem Igel auszuklinken? Zum Beispiel mit dem Argument, dass es bei den meisten wahlkampfbedingten "Sagern" nicht um Problemlösungen geht, sondern um Aufmerksamkeitsmanagement.

Und könnte es nicht auch ein Beitrag zur Ordnung der ohnehin hoffnungslos unordentlichen Wirklichkeit sein, wenn Medien versuchen, für ihre Leser Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden? Und dabei aber auch dazu sagen, nach welchen Kriterien und Maßstäben diese Auswahl erfolgt.

Diese Debatte ist alles andere als abgehoben oder abstrakt. Schließlich ist der Anteil derjenigen, die sich bereits aus der Debatte um die Gestaltung der öffentlichen Angelegenheiten verabschiedet haben, so groß wie noch nie seit der Einführung des allgemeinen Wahlrechts. Und Vertrauen und Glaubwürdigkeit sind die ersten Begriffe, die den Menschen einfallen, wenn sie untereinander über ihre Politiker und Medien reden. Das muss auf die eine oder andere Weise auch damit zusammenhängen, wie wir Medien über Politik berichten.

Trotzdem gilt: Die Politik muss sich schon selbst ernst nehmen, will sie ernst genommen werden. Die Lateiner hatten dafür den schönen Begriff der "gravitas", was so viel bedeutet wie Charakterstärke, Ernst und Würde. Alles Eigenschaften, mit denen sich trefflich Politik gestalten ließe.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-06-22 16:53:07
Letzte Änderung am 2017-06-22 17:12:49


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