• vom 19.01.2018, 17:52 Uhr

Leitartikel

Update: 19.01.2018, 18:08 Uhr

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Neue Gegner, neue Werte?




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Von Walter Hämmerle

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Walter Hämmerle

Walter Hämmerle Walter Hämmerle

Die westlichen Werte sind in Gefahr. So liest man es allenthalben, nicht erst seit Donald Trump vor einem Jahr zum Präsidenten der USA angelobt wurde, aber seitdem besonders oft. Dabei wurden diese Werte, die um die Freiheit der Bürger und die Kontrolle der Mächtigen kreisen, zum ersten Mal 1776 in der Neuen Welt ausformuliert und erst 1789 wieder zurück in die Alte Welt gespiegelt.

Wenn also viele Europäer derzeit mit Verachtung auf die USA blicken, sollten sie sich in Erinnerung rufen, dass "ihre" Werte erst einer transatlantischen Geburtshilfe bedurften.


Aber das sind alles Trump’sche Befindlichkeitsdebatten. Viel interessanter ist die Frage, welche Bedingungen entscheidend dafür sind, dass unser Wertegefüge auch in Zukunft Bestand hat. Dabei kann es hilfreich sein, sich erst über die Voraussetzungen für das Entstehen dieser Werte Klarheit zu verschaffen.

Zentral dafür war der Dualismus konkurrierender Gewalten. Den Stein ins Rollen brachte ein Jude namens Jesus, als er, von den Pharisäern vor die Wahl gestellt, erklärte, man solle dem Kaiser geben, was des Kaisers sei, und Gott, was Gott gehöre. Daraus entstand im westeuropäischen Mittelalter die Lehre von den zwei Gewalten: der weltlichen von Kaiser und Königen und der geistlichen von Päpsten und Bischöfen, die gleichwohl um die Oberhoheit rangen. Dieser Dualismus setzte sich in der Neuzeit im Ringen der Könige und Stände fort, das zur Entstehung der Parlamente und schließlich zur Demokratie in ihrer heutigen Form führte.

Welcher Dualismus aber prägt unsere Gegenwart? Und wird er auch seinen Beitrag zum Fortbestand unseres Freiheitsmodells leisten? Formal steht natürlich die Konkurrenz der Parteien im Zentrum, die einander nach Wahlen als Regierung und Opposition gegenüberstehen.

Seit einiger Zeit ist jedoch zu beobachten, dass sich etliche Parteien, wenngleich nicht alle, andere, vermeintlich mächtigere Gegner suchen. Für die einen ist dies "das Establishment" samt seinen liberalen Medien ("Fake News"). Andere nehmen die Großmächte des Kapitalismus ins Visier, seien es die Datenkraken aus Kalifornien oder die analogen Großkonzerne.

Möglich, dass sich aus diesen Konstellationen ein neuer, prägender Dualismus entwickelt, aber unwahrscheinlich, dass er ein stabiles Fundament ist, die westlichen Werte fortzuschreiben.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-01-19 17:56:12
Letzte Änderung am 2018-01-19 18:08:16


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