• vom 07.06.2018, 16:45 Uhr

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Update: 07.06.2018, 16:53 Uhr

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Zeit, über Geld zu reden




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Von Thomas Seifert

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Thomas Seifert ist stellvertretender Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Thomas Seifert ist stellvertretender Chefredakteur der "Wiener Zeitung".© WZ Thomas Seifert ist stellvertretender Chefredakteur der "Wiener Zeitung".© WZ

Am Paradeplatz in Zürich kann man sich davon überzeugen, dass die Schweizer etwas vom Geld verstehen. Die beiden Schweizer Großbanken UBS und Credit Suisse dominieren das Ensemble an der exklusiven Adresse, das urbane Publikum versucht den modischen Spagat zwischen dezentem Stil und distinguiertem Schick. Ausgerechnet die in Geldfragen konservativen Eidgenossen stimmen nun am Sonntag über eine monetäre Revolution ab: Dem Stimmvolk wird die sogenannte Vollgeld-Initiative vorgelegt. Die Initianten versprechen sich von der angestrebten Radikalreform des Geldsystems die Verhinderung von zukünftigen Bankenkrisen und erhoffen sich davon milliardenschwere Zusatzerträge für Staat und Bürger.

Die Vollgeld-Proponenten hängen ihre Argumentation an der Frage auf: Wie kommt das Geld in die Welt? Derzeit wird ein Großteil des Geldes nicht von der EZB oder der Nationalbank kreiert, sondern von den Banken bei der Kreditvergabe geschöpft. Dieses "Buchgeld" oder "Giralgeld" entsteht, sobald eine Bank einem Kunden einen Kredit gibt und den gewährten Betrag auf dessen Konto gutschreibt. Moneten, die aus dem Nichts entstehen - die Bank muss lediglich für diesen Kredit eine Mindestreserve bei der Zentralbank deponieren. Diese Mindestreserve beträgt derzeit ein Prozent, eine Bank, die einen 100.000-Euro-Kredit vergeben will, braucht also nur 1000 Euro Mindestreserve. Doch die Bank muss nicht einmal dieses Geld aus Sparanlagen ihrer Kunden aufbringen, sondern kann bei der Notenbank einen Kredit aufnehmen. Die Initiatoren der Vollgeldinitiative wollen, dass zukünftig nur mehr die Schweizer Nationalbank das Privileg der Geldschöpfung genießen soll.


Zweitens, monieren die Initiatoren, sollen Spareinlagen, die man zur Bank trägt, den Sparern auch wirklich gehören. Geht die Bank in Konkurs, dann kommt dieses Geld nicht in die Konkursmasse, sondern geht an die Sparer der in Schieflage geratenen Bank zurück.

Radikalere Vorschläge - etwa vom australischen Ökonomen Nicholas Gruen - gehen übrigens in die Richtung, wonach die Kunden in Zukunft ihre Geldgeschäfte gleich direkt bei der Notenbank abwickeln können sollen.

Die Finanzkrise des Jahres 2008 hat gezeigt, dass die Bankiers ihrer Aufgabe, für effiziente Kapitalallokation zu sorgen, nicht gewachsen waren, innovative Ideen sind also durchaus gefragt.

Der Vollgeld-Initiative werden allerdings von den politischen Beobachtern in der Schweiz wenig Umsetzungs-Chancen eingeräumt. Aber selbst wenn die Initiative ohne Erfolg bleibt, haben es die Vollgeld-Fans zumindest geschafft, dass über die Rolle der Banken und darüber, wie man das Finanzsystem stabiler machen kann, diskutiert wird. Es ist Zeit, über Geld zu reden.




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Dokument erstellt am 2018-06-07 16:52:20
Letzte Änderung am 2018-06-07 16:53:18


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