• vom 02.07.2018, 16:28 Uhr

Leitartikel

Update: 02.07.2018, 16:40 Uhr

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Ein allerletzter Dienst




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Von Walter Hämmerle

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Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung". Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Egal, wie sich die Krise der deutschen Unionsparteien entwickeln wird: Angela Merkel und Horst Seehofer gehören der Vergangenheit an. Beim Innenminister und Obmann der bayrischen CSU kann es sein, dass, wenn Sie diese Zeilen lesen, sein Rücktritt bereits beschlossene Sache ist. Immerhin hat er diesen Schritt am Sonntag selbst in den Raum gestellt. Seehofers Zukunft als Politiker ist so oder so vorbei, ob er nun heute, morgen oder in zwei Jahren zurücktritt.

Dieselbe unerbittliche Logik trifft auch die deutsche Kanzlerin und CDU-Vorsitzende. Selbst dann, wenn sie die Legislaturperiode bis zum Herbst 2021 durchdienen sollte. Im erbitterten Streit mit ihrer eigenen Parteienfamilie hat Merkel sich aufgerieben und abgearbeitet - und dabei ihr letztes politisches Kapital investiert und aufgebraucht. Jetzt ist fast nichts mehr davon übrig, weder für Deutschland noch für Europa.


Merkel wie Seehofer haben allerdings beide noch eine letzte Aufgabe vor sich. Und die Ironie der Geschichte will, dass sie diese Aufgabe nur gemeinsam bewältigten können. Die beiden müssen, wenn sie den höheren Zielen ihrer beider Parteien noch einen letzten Dienst erweisen wollen, bevor sie gehen, die Verantwortung für alle Fehler und Verletzungen der Vergangenheit auf sich laden und mit diesem Rucksack auf den Schultern den Gang in die Politikerpension antreten. Merkel und Seehofer sind zur Rolle des biblischen Sündenbocks verurteilt; losgelöst von tatsächlicher Verantwortung und persönlicher Schuld, laden sie die politischen Verfehlungen ihrer beider Parteien auf ihre Schultern und trotten so ins Ausgedinge. Nur so haben ihre Nachfolger an der Spitze von CDU und CSU eine realistische Chance, den Neuanfang der Union erfolgreich
zu gestalten.

Verlassen Seehofer wie Merkel vorzeitig die Brücke des zu kentern drohenden Schiffs, droht diese Versöhnung an den Belastungen der Vergangenheit zu scheitern. Dann würden auch die Neuen ihr endliches politisches Kapital bei der Aufarbeitung der verbitterten Gegenwart verbrennen. Und die Zukunft müsste weiter warten.

Natürlich ist es eine Überforderung, von Merkel und Seehofer eine solche Selbstopferung auf dem Altar der Interessen ihrer Parteien zu verlangen. Schließlich führen sie ihre erbitterte Auseinandersetzung im Bewusstsein, nicht nur die politische Vernunft, sondern auch die Notwendigkeit auf ihrer Seite zu haben. Das Problem ist, dass jeder Sieg einer Seite die Bewältigung der gemeinsamen Zukunft weiter erschwert. Zumindest in dieser Hinsicht ähnelt die kleine Union aus CDU und CSU der großen Union aus
28 Staaten.

Merkel und Seehofer haben beide ihre Zukunft hinter sich. Nur die Frage ihres Abgangs ist offen.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-02 16:34:46
Letzte Änderung am 2018-07-02 16:40:29


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