• vom 12.07.2018, 17:37 Uhr

Leitartikel

Update: 12.07.2018, 17:48 Uhr

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Spezielle Beziehung




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Von Thomas Seifert

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Thomas Seifert ist stellvertretender Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Thomas Seifert ist stellvertretender Chefredakteur der "Wiener Zeitung".© WZ Thomas Seifert ist stellvertretender Chefredakteur der "Wiener Zeitung".© WZ

Es war der 5. März 1946, und Winston Churchill lieferte wieder einmal Zitate für die Nachwelt. Bei einer Rede vor dem Westminster College in Fulton, Missouri, prägte er den Begriff "Eiserner Vorhang", und er sprach von einer "special relationship" zwischen den USA und dem britischen Imperium.

Der Eiserne Vorhang und das Empire sind inzwischen Geschichte, doch die "spezielle Beziehung" zwischen UK und den USA wird beim Besuch des US-Präsidenten Donald Trump wieder beschworen. Doch als Churchill diese spezielle Beziehung beschwor, war er einer der "Big Three", der bei der Konferenz von Potsdam neben dem sowjetischen Diktator Joseph Stalin und US-Präsident Harry Truman die Nachkriegsgeschicke der Welt bestimmte. Churchill hatte damals eine Beziehung auf Augenhöhe im Sinn.


Doch das ist längst perdu.

Donald Trump kommt in ein Großbritannien, das sich in einer Akt kolossaler Selbstverstümmelung für den Brexit entschieden hat und das seither in der größten innenpolitischen Krise der Nachkriegsgeschichte steckt. Wenn die letzten Drähte zum Kontinent erst einmal gekappt sind, ist Londons Einfluss auf die Politik in Europa minimal. Und damit sinkt der Wert, den die "special relationship" für die USA hat: Großbritannien rückt wieder an Europas politische Peripherie, wo das Inselreich bis zum EU-Beitritt im Jahr 1972 war. Die ungleiche Beziehung zwischen den USA und UK wurde im Laufe der Jahre immer ungleicher: US-Präsident Ronald Reagan hörte Premierministerin Margret Thatcher zumindest noch zu, während Premier Tony Blair es sich gefallen lassen musste, als George W. Bushs Pudel karikiert und verlacht zu werden.

Theresa Mays Großbritannien braucht nach dem Brexit die USA als Verbündete mehr denn je - gleichzeitig ist die Position Großbritanniens schwächer als jemals zuvor.

Aber auch für Donald Trump wird die Reise kein Homerun. Er kommt in ein Großbritannien, in dem er genauso verhasst ist wie in den demokratisch dominierten Regionen der Westküste, an den großen Seen und im Nordosten seines Landes.

In London wird er mit einem "Baby-Trump"-Ballon verhöhnt, 10.000 Polizisten müssen aufgeboten werden, um den US-Präsidenten vor Protesten zu schützen. Um Donald Trump die unangenehmen Blicke auf wütende und feindselige Demonstranten in London zu ersparen, empfängt die Queen ihn auf Schloss Windsor und Premierministerin Theresa May auf ihrem Landsitz in Chequers.

Es ist wahrlich eine "spezielle Beziehung" Großbritanniens zu Donald Trump, aber wohl nicht jene, die Winston Churchill damals, als er diesen Begriff prägte, im Sinn hatte.




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Dokument erstellt am 2018-07-12 17:44:02
Letzte Änderung am 2018-07-12 17:48:31


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