• vom 31.07.2018, 17:38 Uhr

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Update: 01.08.2018, 20:26 Uhr

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Versöhnung von oben




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Von Walter Hämmerle

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Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung". Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Am Dienstag hat die französische Nationalversammlung ein Wahlversprechen von Staatspräsident Emmanuel Macron apportiert, indem die Abgeordneten ein komplettes Verbot sämtlicher internetfähiger Geräte in der Schule für alle 3- bis 15-jährigen Schüler beschlossen. Dass seit 2010 ein Handyverbot in Kraft ist, störte niemanden. Ein Wahlversprechen ist schließlich auch ein Versprechen.

Tatsächlich arbeitet Macron daran, dem Amt des Staatspräsidenten der Fünften Republik wieder jene Aura zu verschaffen, die insbesondere durch seine beiden Vorgänger, den Konservativen Sarkozy und den Sozialisten Holland, verloren ging.


Der 40-jährige Hoffnungsträger einer liberalen Mitte verfolgt dabei ein ganz eigenes Projekt, die politischen Spaltungen der Gegenwart zu überwinden. Dass er im Wahlkampf erklärte, er wolle wie Jupiter, der römische Göttervater, regieren, hat ihm viel Spott eingetragen. Man stelle sich vor, Angela Merkel, Martin Schulz Sebastian Kurz oder Christian Kern wären mit einer solchen Ansage vor die Wähler getreten.

Doch Frankreich tickt anders. Und Macron ist entschlossen, das "kollektive emotionale Vakuum" der Republik, das für ihn durch den Verlust des Königs und die Folgen des post-revolutionären Terrors entstanden ist, wieder aufzufüllen - und zwar mit der Aura eines die Idee und den Willen der Grande Nation verkörpernden Präsidenten. Diese Idee stammt von General de Gaulle, der auch das erklärte Vorbild Macrons in dieser Rolle ist.

Während also die allermeisten Spitzenpolitiker beim Versuch, die durch Krisen und Vertrauenverlust entstandenen Gräben zwischen sich und ihren Bürgern dadurch zu überwinden, dass sie sich mit diesen auf eine Stufe stellen (Kochen wie Merkel, Wandern wie Kurz) oder auch so kommunizieren (Twittern wie Trump) - alles natürlich professionell inszeniert -, schlägt Macron die exakt entgegengesetzte Strategie ein. Er inszeniert die erhabene Differenz seines Amtes, das ihn von den Bürgern abhebt - im Namen der Nation, zum Wohle der Nation.

Macron ist überzeugt, dass sich auch die säkulare Republik - trotz der anhaltenden Stürme auf alle Autoritäten - nach politischer Transzendenz sehnt, die das "Wir" verkörpert. Nicht nur symbolisch, sondern ganz real in der Person des "Monsieur le Président".

Es wird spannend sein, den Ausgang dieses Feldversuchs des 40-jährigen Überfliegers zu beobachten. Womöglich gelingt es Macron tatsächlich, die Magie seines Amtes aus den späten 1950ern ins 21. Jahrhundert hinüber zu retten. Wahrscheinlicher ist, dass sich unsere Zeit zwar sehr wohl nach einer Verkörperung des "Wir" sehnt, sich aber nicht darauf einigen kann, wie dieses genau aussehen soll.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-31 17:47:19
Letzte Änderung am 2018-08-01 20:26:29


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