• vom 02.08.2018, 17:22 Uhr

Leitartikel

Update: 02.08.2018, 17:48 Uhr

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Du sollst nicht töten




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Von Walter Hämmerle

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Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung". Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Die Entwicklung der Idee universeller Menschenrechte ging Hand in Hand mit der Infragestellung der Todesstrafe. Vor der Aufklärung war es in allen Kulturen selbstverständlich, dass Menschen aufgrund bestimmter Vergehen zum Tode verurteilt und hingerichtet werden konnten. Doch für solche Veränderungen von gewachsenen Einstellungen muss in Jahrhunderten gerechnet werden. Das weiß keiner besser als die älteste noch bestehende Organisation, die katholische Kirche.

Stand 2018, haben 107 von 198 Staaten die Todesstrafe abgeschafft, in sieben besteht diese nur in rechtlichen Ausnahmefällen, in weiteren 29 gilt ein Hinrichtungsstopp; tatsächlich angewendet wird die Todesstrafe damit noch in 55 Staaten, wobei das Gros der Vollstreckungen auf China, Iran, Irak, Saudi-Arabien, die USA und den Jemen entfällt.


Der Trend geht jedoch eindeutig in Richtung Abschaffung: Im Durchschnitt der vergangenen Jahre haben 3 Staaten pro Jahr die Todesstrafe gestrichen. Ob dieser Trend anhält, wird aber erst die Zukunft weisen.

Immerhin: Die katholische Kirche, eine moralische Instanz mit globalem Anspruch, hat nun für Klarheit gesorgt, dass sich Befürworter der Todesstrafe nicht länger auf sie berufen können. Am Donnerstag hat Papst Franziskus nämlich offiziell verfügt, dass die Todesstrafe aus dem Katechismus, dem verbindlichen Lehrbuch der katholischen Lehre, verbannt werden soll. Diese sei, so der Papst, "unzulässig, weil sie gegen die Unantastbarkeit und Würde der Person verstößt".

Der bisher gültige Katechismus hatte unter Berufung auf die "überlieferte Lehre der Kirche" die Todesstrafe trotz des Fünften Gebots "Du sollst nicht töten" nicht ausgeschlossen, wenn der Schuldige zweifelsfrei feststeht und "dies der einzig gangbare Weg wäre, um das Leben von Menschen wirksam gegen einen ungerechten Angreifer zu verteidigen". Damit hat Franziskus nun endgültig gebrochen.

Das zeigt einmal mehr: Nichts ist in Stein gemeißelt, nicht einmal die Eckpfeiler von Moralgebäuden, die für die Ewigkeit errichtet wurden. Solche Veränderungen zuzulassen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern Stärke. Die Überzeugungen der Menschen ändern sich, einst selbstverständliche Zustände und Methoden, etwa Sklaverei und Folter, waren vor noch gar nicht allzu langer Zeit selbstverständlich zulässig, ja geradezu normal. Heute tun sich dagegen viele bereits schwer, sich in die alten Zeiten auch nur hineinzudenken.

Die Einsicht, dass moralische Werte einem Wandel unterliegen, bedeutet jedoch nicht, dass Veränderung nur in eine Richtung möglich ist. Wie gesagt: Nichts ist in Stein gemeißelt, auch nicht unser Bild von der unantastbaren Würde des Menschen.




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Dokument erstellt am 2018-08-02 17:32:20
Letzte Änderung am 2018-08-02 17:48:59


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