• vom 10.08.2018, 17:58 Uhr

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Update: 10.08.2018, 18:16 Uhr

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Erdoganistan-Dämmerung




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Von Thomas Seifert

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Thomas Seifert ist stellvertretender Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Thomas Seifert ist stellvertretender Chefredakteur der "Wiener Zeitung".© WZ Thomas Seifert ist stellvertretender Chefredakteur der "Wiener Zeitung".© WZ

"August-Surprise", so nennt man im Finanzgeschäft die Regel, dass der August meist eine Überraschung für die Märkte bereit hält. Während die Hohepriester der Hochfinanz in ihren Villen in Ibiza, den Hamptons, Panama oder Bali entspannen, braut sich über dem Bosporus schon seit einiger Zeit ein perfekter Finanzsturm zusammen: Der Kurs der türkischen Lira kennt schon seit etlichen Wochen nur mehr eine Richtung - nämlich nach unten, die Bankaktien der türkischen Geldhäuser tun es dem Lira-Kurs gleich, die Rating-Agenturen haben die Ratings der meisten türkischen Banken längst heruntergestuft.

Und nicht wenige Experten stellen sich die Frage: Bricht nun Recep Tayyip Erdogans Kartenhaus in sich zusammen? Es wäre keine Überraschung, denn der mächtigste türkische Politiker seit dem Staatsgründer Kemal Atatürk hat von Wirtschaft nicht die blasseste Ahnung. Um den Kurs der türkischen Lira zu stützen, sollten seine Landsleute gegen harte Euro oder Dollar türkische Lira kaufen, forderte er. Doch wer will ins fallende Messer greifen? "Wir werden den Wirtschaftskrieg nicht verlieren", meint der bildungs- und ausbildungsferne Präsident. Erdogan hat nicht verstanden, was hier vor sich geht: Schon vor seiner Wiederwahl waren die strukturellen Schwächen der türkischen Wirtschaft allen Marktteilnehmern bekannt. Das Bildungssystem ist schwach, es fehlt an qualifiziertem Personal, die türkische Industrie ist nicht besonders konkurrenzfähig - was sich nicht zuletzt im hohen Leistungsbilanzdefizit niederschlägt. Ein guter Teil des Wachstums ist mit Krediten erkauft. Billiges Geld aus Europa und den USA schwappte in Milliardenhöhe in die Türkei. Und dann ist da nicht zuletzt Erdogan selbst. Jahrelang hetzte er gegen die EU, zuletzt hat er sich mit Donald Trump angelegt, der Strafzölle gegen die Türkei verhängt hat. Erdogan wird es schwer haben, jemanden im Westen zu finden, der ihm aus seiner wirtschaftlichen Malaise helfen wird. Auf den Finanzmärkten tendiert das Vertrauen in seine Regierung gegen null. Warum das so ist? Nach der zuletzt erfolgreich geschlagenen Wahl hat der Präsident seinen 40-jährigen Schwiegersohn Berat Albayrak als Finanzminister eingesetzt, ganz so, als wäre die Türkei eine nepotistische Bananenrepublik. Dass Erdogan nach der Wahl die Kontrolle über die Notenbank übernommen und eine Zinserhöhung - die zur Bekämpfung der hohen Inflation dringend notwendig wäre - verhindert hat, war der Startschuss für den dramatischen Lira-Absturz. Schadenfreude ist aber fehl am Platz: Ein wirtschaftlicher Kollaps der Türkei würde wohl auch europäische Banken in arge Schwierigkeiten bringen und an einer Destabilisierung des Landes am Bosporus kann niemand Interesse haben.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-10 18:08:29
Letzte Änderung am 2018-08-10 18:16:46


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