• vom 07.09.2018, 15:53 Uhr

Leitartikel

Update: 07.09.2018, 16:09 Uhr

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Das Erbe der großen Krise




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Von Walter Hämmerle

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Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung". Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Womöglich lag die Prophezeiung von Karl Marx, wonach der Kapitalismus seinen Henkern noch den Strick verkaufen werde, um ihn aufzuhängen, im September 2008 näher an der Wirklichkeit als je zuvor. Vor zehn Jahren gelang es einer selbsternannten kapitalistischen Avantgarde beinahe, das moralische Fundament der Idee der Marktwirtschaft auszuhöhlen.

Und sie lieferten den Kritikern eine Steilvorlage, so zu tun, als wären Kapitalismus und Marktwirtschaft dasselbe. Das Idealmodell von Angebot und Nachfrage, das die Marktwirtschaft darstellt, weiß, dass es einen regulierend eingreifenden Staat benötigt, um maximalen Nutzen für die größtmögliche Zahl zu generieren. Für den Kapitalismus dagegen ist der Staat nur ein lästiger Dritter, den es auszuschalten gilt.


Im Herbst 2008 kulminierte die auf die USA konzentrierte Krise fauler Immobilienkredite mit dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers. Die Schockwellen gingen rund um den Globus, die Europäische Union balancierte am Rand des Zusammenbruchs, die Gemeinschaftswährung stand mit einem Bein über dem Abgrund. Von den politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Folgen hat sich die Welt bis heute nicht zur Gänze erholt. Die Reparatur- und Aufräumarbeiten dauern bis heute ungebrochen an.

Die weitreichendsten Folgen ergeben sich jedoch für das Moralgebäude der westlichen Welt mit ihrem Versuch einer Symbiose von Marktwirtschaft und Demokratie. Dessen tragende Architektur hat durch die Exzesse eines wildgewordenen globalen Finanzkapitalismus nachhaltigen Schaden genommen. Wenn sich eine verschwindend kleine Elite auf Kosten der überwältigenden Mehrheit hemmungslos bedienen kann und anschließend meist ungeschoren damit davonkommt, dann ist das fatal für das Vertrauen der Menschen in das System. Genau das ist geschehen: Die Gewinne dieser Pyramidenspiele an den globalisierten Finanzmärkten wurden privatisiert, die Schulden sozialisiert.

In der Folge geriet die Idee der Marktwirtschaft unter Druck, ihre Werte wurden umgedeutet: Aus Leistung wurde Gier, aus Erfolg und Gewinn wurden Unterdrückung und Ausbeutung. Demokratie und Marktwirtschaft wurden im Gefolge der Krise einmal mehr als unversöhnliche Gegenspieler inszeniert, die nun zur alles entscheidenden Schlacht gegeneinander anträten. Und das nur, weil Finanzjongleure mit dem Segen der politischen Eliten ungestraft behaupten konnten, aus Geld Geld machen zu können.

Das hat sich als fataler Irrtum herausgestellt. Neben den Kosten der Krise bleibt die Arbeit an der Versöhnung von Marktwirtschaft und Demokratie als Erbe der großen Krise.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-07 16:03:00
Letzte Änderung am 2018-09-07 16:09:06


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