• vom 08.10.2018, 16:36 Uhr

Leitartikel

Update: 08.10.2018, 16:52 Uhr

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Fatale Gelassenheit




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Von Ronald Schönhuber

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Als der Weltklimarat IPCC im Jahr 2007 seinen vierten Sachstandsbericht präsentierte, war die Welt in Aufruhr. Mit einer gigantischen Menge an Daten und bisher ungekannter Schärfe hatten die Klimaforscher damals die Bedrohung durch den Klimawandel dargelegt und dabei genau skizziert, wie Dürren und Extremwetterereignisse das Leben von Million Menschen gefährden.

Die damals vielerorts zum Konsens gewordene Einsicht, dass es nun Zeit sei zu handeln, währte allerdings nicht lange. So ist der Kampf gegen die globale Erwärmung in den vergangenen Jahren auf der Prioritätenliste der Staaten immer weiter nach unten gerutscht. Die Migrationsfrage, Geschlechtergerechtigkeit und Schuldenkrise waren wichtiger, selbst über die Abschaffung der Glühbirne wurde intensiver und leidenschaftlicher debattiert. Der Klimawandel tauchte allenfalls noch in Ausnahmefällen auf, bei den jährlichen Weltklimakonferenzen oder so wie jetzt, da der IPCC gerade einen Sonderbericht veröffentlicht hat, der klarmacht, dass die Lage in manchen Bereichen noch deutlich ernster ist als angenommen.


Die Gelassenheit der vergangenen Jahre ist aber nicht nur deshalb paradox, weil der Menschheit die Zeit, die bleibt, um den Klimawandel in den Griff zu bekommen, zwischen den Fingern zerrinnt. Die Erderwärmung ist laut allen bisher vorliegenden Erkenntnissen gewissermaßen auch die Mutter aller Probleme, deren fundamentale Wucht alles andere mehr oder weniger zur Nachrangsache degradiert.

Gut veranschaulichen lässt sich das mit dem Beispiel, das der deutsche Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber unlängst verwendet hat: Er vergleicht die jetzige Situation mit einem leckgeschlagenen Schiff, auf dem es neben dem großen Loch natürlich auch noch andere Probleme gibt: So ist das Essen in der dritten Klasse miserabel und die Matrosen werden ausgebeutet. Für den Fall, dass das Schiff untergeht, ist das alles aber freilich ohne Bedeutung.

Doch auch wenn die staatlichen Akteure derzeit mehr Augenmerk auf das schlechte Essen und die Forderungen der Matrosen legen, gibt es noch ein paar Hoffnungsschimmer für die Passagiere des leckenden Schiffes. So hat es in den vergangenen Jahren einen radikalen Wandel bei den erneuerbaren Energien gegeben. Photovoltaik ist heute etwa die attraktivste Form von Elektrizität in den ärmsten Ländern, gleichzeitig erlauben neue leistungsfähige Großbatterien eine komplette Neugestaltung elektrischer Netze.

Nicht zuletzt haben es aber die Bürger selbst in der Hand, ihren Planeten zu retten. Denn sie sind es, die darüber entscheiden, ob sie sich ein Elektroauto kaufen, weniger Fleisch essen oder auf eine Fernreise mit dem Flugzeug verzichten.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-10-08 16:45:34
Letzte Änderung am 2018-10-08 16:52:21


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