• vom 22.10.2018, 18:12 Uhr

Leitartikel

Update: 22.10.2018, 18:26 Uhr

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Das Gesetz des Dschungels




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Von Thomas Seifert


    Thomas Seifert ist stellvertretender Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

    Thomas Seifert ist stellvertretender Chefredakteur der "Wiener Zeitung".© WZ Thomas Seifert ist stellvertretender Chefredakteur der "Wiener Zeitung".© WZ

    Der bekannte US-Autor und Politikexperte Robert Kagan schreibt in seinem neuen Buch "The Jungle Grows Back", nach dem Ende der "Pax Americana" gehorche die Weltpolitik nun wieder mehr und mehr den Gesetzen des Dschungels. Der Neo-Konservative Kagan beklagt auch den Unwillen von Donald Trumps Amerika, die herrschende Weltordnung zu stützen - das Resultat ist seiner Ansicht nach, dass die Welt angesichts des Fehlens des Weltpolizisten USA in Richtung Chaos drifte. Kagan vergisst zwar, dass der Weltpolizist in der Vergangenheit selbst gehörig Chaos gestiftet hat (Stichwort: der völkerrechtswidrige Einmarsch der USA im Irak im Jahr 2003), er hat aber wohl in einem Punkt recht: Ohne die globale Ordnungsmacht USA droht die herrschende Weltordnung zu zerfallen.

    Regimes, die schon zuvor nicht zimperlich mit jenen, die sie als ihre Gegner ausgemacht hatten, umgegangen sind, lassen nun alle Hemmungen fallen: Ob im Fall der Vergiftung des russischen Ex-Spions Sergej Skripal und seiner Tochter Julia in Salisbury mit dem Nervengift Nowitschok durch russische Geheimdienstmitarbeiter oder nun im Fall des kritischen saudischen Journalisten Jamal Khashoggi, der ins saudische Konsulat in Istanbul gelockt und dort umgebracht wurde - die Geheimdienste kramen tief in ihren "Dirty-Tricks"-Kisten, ihre heimtückischen, feigen Aktionen lassen die Drehbuchautoren der packendsten Agententhriller wie harm- und fantasielose Amateure erscheinen, denen es an Vorstellungskraft fehlt, wozu gewissenlose Menschen imstande sind.


    Immerhin: Die Europäer sind nicht gewillt, nach dem Mord an Khashoggi zur Tagesordnung überzugehen, und auch die USA reagieren nun: Heute, Dienstag, beginnt in Riad eine Investorenkonferenz, bei der hochrangige Teilnehmer, wie etwa darunter IWF-Direktorin Christine Lagarde, die Finanzminister Frankreichs, Großbritanniens und der USA sowie die Chefs wichtiger Großbanken erwartet wurden. Sie alle haben abgesagt.

    Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman, der bis vor kurzem noch als Reformer gefeiert wurde, wirkt plötzlich, als sei er radioaktiv - niemand möchte ihm zu nahe kommen. MbS, wie Mohammed bin Salman auch genannt wird, wurde schon zuvor für seinen rücksichtslosen Politikstil kritisiert: Er gilt als Betreiber eines brutalen Bürgerkriegs im Jemen, ließ den libanesischen Premierminister Saad Hariri kidnappen und verhängte eine Blockade gegen den Nachbarn Katar. Der Ruf des Kronprinzen ist nun jedenfalls ruiniert.

    Der Fall Khashoggi ist ein Weckruf: Der Westen darf nicht zulassen, dass die Gesetze des Dschungels in der internationalen Politik zur Norm werden.




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    Dokument erstellt am 2018-10-22 18:21:57
    Letzte Änderung am 2018-10-22 18:26:58


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