• vom 01.02.2008, 17:03 Uhr

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Update: 01.02.2008, 17:04 Uhr

Ein lächelnder Therapeut als Oberhirte: Johannes Okoro




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Von Ronald Schönhuber

  • "Wiener der Woche" ist neuer Bischof der Altkatholiken.
  • Der gebürtige Nigerianer setzt Fokus auf Seelsorge.
  • Wien. Über eines kann sich Johannes Okoro im Gegensatz zu seinen künftigen Amtskollegen nicht beschweren. Denn während in der evangelischen und römisch-katholischen Kirche die Schäfchenzahlen zurückgehen oder zumindest stagnieren, kann sich die Gemeinde der Altkatholiken über einen kleinen, aber durchaus steten Zustrom freuen.

Dafür sieht sich Okoro, der am Samstag zum neuen Bischof der in Österreich 18.000 Mitglieder umfassenden Kirche geweiht wurde, mit einem Problem konfrontiert, unter dem auch schon seine Vorgänger zu leiden hatten: fast schon chronische Unbekanntheit. Das könnte sich mit dem 58-Jährigen aber durchaus ändern. Denn Okoro ist das erste geistliche Oberhaupt Österreichs, das aus Schwarzafrika stammt. Eine mutige Entscheidung, wie der 58-Jährige selbst sagt. Doch für den gebürtigen Nigerianer ist das ohnehin keine Frage der Herkunft oder von schwarz und weiß. "Meine Kirche hat mich nicht gewählt, weil ich schwarz bin oder aus Nigeria komme, sondern hat sich gefragt, wer die Gemeinde am besten führen kann", ist Okoro überzeugt.


Trost und Rat
Okoro sieht sich aber dennoch nicht vorrangig als Administrator und Kirchen-Manager. "Ich möchte die Menschen mit meiner Art des Lebens berühren und Spiritualität verbreiten. Meine Aufgabe ist es, die Menschen zu unterstützen und auch zu trösten", sagt der frisch gekürte Bischof. Und bei Okoro klingt das irgendwie nach weit mehr als einem seelsorgerischen Lippenbekenntnis.

Der Bischof, der, wenn er nicht spricht, fast dauernd lächelt oder lacht, kann dabei jedenfalls auf ein Werkzeug abseits seiner theologischen Ausbildung zurückgreifen: Okoro ist nicht nur studierter Psychologe, sonder auch Psychotherapeut und hat neben seiner Priestertätigkeit auch jahrelang als solcher gearbeitet.

"Über Gott zu reden ist sehr, sehr gut, aber man muss den Menschen kennenlernen", glaubt Okoro, der einem psychotherapeutischen Ansatz in der Seelsorge noch andere Positiva abgewinnen kann. "Als Psychotherapeut ist man wohl auch weniger fordernd und weniger urteilend, sondern sagt zuerst, jetzt schauen wir einmal, wie wir das Problem vielleicht lösen können." Und letztendlich war es auch die psychoanalytische Ausbildung, die Okoro zur altkatholischen Kirche geführt hat.

Via Internet zu Gott
22 Jahre lang gehörte Okoros Liebe als römische-katholischer Priester ausschließlich Gott. Doch dann lernte der Geistliche, der in den 70er Jahren mit Hilfe eines Stipendiums in Innsbruck Theologie studiert hat, seine spätere Frau kenne. "Nicht zuletzt durch meine psychoanalytische Erfahrung habe ich dann erkannt, dass mein Leben nicht mehr authentisch ist, wenn ich das in der Öffentlichkeit verheimlichen muss", erinnert sich der 58-Jährige, der dann 1999 der altkatholische Kirche beigetreten ist. Für Okoro ist die liberalere Grundhaltung der altkatholische Kirche, die sich im Jahr 1870 abgespalten hat, weil sie die Unfehlbarkeit des Papstes nicht anerkennen wollte, auch der Grund, warum seine Gemeinde sich über Zuwächse freuen kann.

"Viele Menschen sind von ihrer Ideologie her altkatholisch. Sie wollen, dass Priester ebenso wie Geschiedene heiraten dürfen. Und sie wollen, dass auch Frauen Priester werden dürfen. Wenn die Menschen zu uns kommen, kommen sie sehr bewusst", erzählt Okoro, der seit 1994 Österreicher ist und unmittelbar danach als Militärpfarrer bei den österreichischen UN-Missionen im Einsatz war. Dass viele der neuen Schäfchen via Internet auf seine Kirche gestoßen sind, stört Okoro dabei nicht. Und nicht zuletzt reflektiert das ja auch ganz gut den Bischofsspruch, den sich der 58-Jährige gewählt hat: "Bei Gott ist alles möglich."



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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2008-02-01 17:03:49
Letzte Änderung am 2008-02-01 17:04:00


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