• vom 18.09.2009, 13:17 Uhr

Porträts

Update: 24.09.2009, 15:22 Uhr

Die Verkörperung des "Circus Roncalli"

Bernhard Paul: Traum vom Zirkus




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Von Mathias Ziegler

  • Das Lachen ist das Wichtigste, ist der Gründer des "Circus Roncalli", Bernhard Paul, fest überzeugt. Seine Botschaft bringt er mit seinem Tross seit mehr als 30 Jahren unters Volk - derzeit macht der Zirkusdirektor "Heimaturlaub" in Wien.

Dem Lachen verpflichtet: Bernhard Paul - © Ziegler

Dem Lachen verpflichtet: Bernhard Paul © Ziegler

Schuld ist seine Unentschlossenheit, sagt Bernhard Paul. Er sei nämlich eigentlich deshalb Zirkusdirektor geworden, "weil ich mich nicht entscheiden konnte, was ich machen soll - und so habe ich eben meinen eigenen Zirkus gegründet, weil der so vieles verbindet: Akrobatik, Tiere, Theater, Technik, Spaß . . ."

Gerade einmal 29 Jahre alt war der gelernte Hoch-/


Tiefbauer und Grafiker seinerzeit, im Jahr 1976, als er seinen Kindheitstraum verwirklichte, unterstützt von André Heller, der damals noch genauso blutjung war. "Circus Roncalli" nannte Paul seine Truppe, nach Peter Hayeks "Sarah Roncalli, Tochter des Mondes". Als Erfolgsgarant erwies sich dabei laut dem Zirkusdirektor die noch frische Erinnerung an Angelo Giuseppe Roncalli (Papst Johannes XXIII.), "zu dem die Leute Papa Roncalli gesagt haben".

Und so hat der "Circus Roncalli" nicht zuletzt dank seinen berühmten Namensvettern seit den späten 1970ern eine Erfolgsgeschichte geschrieben. Auch wenn die letzten drei Jahrzehnte nicht spurlos am mittlerweile 62-jährigen Bernhard Paul vorübergegangen sind. Schließlich ist der Job als Zirkusdirektor ein sehr aufreibender: "Ich habe 150 Angestellte zu versorgen, schleppe einen Riesenapparat an Technik und Infrastruktur mit mir herum, muss die Sicherheit der Besucher gewährleisten, mir immer wieder neue Ideen einfallen lassen, die Marketingmaschinerie am Laufen halten, mich mit meinem größten Feind herumzuschlagen: der Bürokratie." Ein Riesenaufwand also, der hinter den tollen Shows der Artisten steckt, die das Publikum in ihren Bann ziehen.

Nebenbei nennt Bernhard Paul übrigens auch Europas größte Zirkus- und Varietésammlung sein Eigen, ebenso wie eine Plakatkollektion mit mehr als 10.000 Lithografien und eine einzigartige Sammlung von Alltagskultur der Jahrhundertwende.

Immer unterwegs und doch daheim. Trotzdem haben seine drei Kinder vermutlich mehr von ihrem Vater als viele andere. "Denn ich habe zwar kein geregeltes Berufsleben, dafür kann ich aber viel mehr Zeit mit ihnen verbringen", meint Paul. Und alle drei hat auch schon längst das Zirkusfieber gepackt: Tochter Vivien (20) ist als Roncalli-Presseassistentin engagiert und arbeitet auch an einer Akrobatik-Nummer; Sohn Adrian (18) arbeitet in der Zirkustechnik, spielt in der Zirkuskapelle und hat mit seiner Band "Circus on the Roxx" seine erste Single ("Tryology") herausgebracht; Liliane (11) wird gemeinsam mit zwei anderen Zirkuskindern von der Privatlehrerin Lisa Rickert unterrichtet. Die ganze Familie Paul ist also im Zirkus vereint.

Da die Wagen an jedem Auftrittsort gleich angeordnet sind, kommt dem Direktor sein Zirkus irgendwie vor wie ein fahrendes Dorf. "Da habe ich nicht einmal das Gefühl, zu verreisen - nur die Aussicht ist jeweils eine andere." Zwei Wohnwagen gehören dem Zirkusdirektor, im einen wohnt er, im anderen wird vorwiegend gearbeitet.

Beim Thema Transport offenbart sich übrigens, dass in Bernhard Paul neben einem begnadeten Künstler - als Clown "Zippo" tollte er 30 Jahre lang zweimal täglich durch die Manege und tritt auch heute noch auf, wenn es sein dichter Terminkalender zulässt - auch ein überzeugter Umwelt- und Tierschützer steckt.

So ist sein Zirkus, wo es geht, in zwei Bahn-Sonderzügen unterwegs. "Gerade in Deutschland, wo wir unser logistisches Zentrum haben, wurden allerdings leider viele Verladebahnhöfe aufgelassen - so viel zum Thema von der Straße auf die Schiene." Im Gegensatz zu anderen Zirkussen sucht man bei Roncalli auch exotische Tiere vergeblich. "Einem Tiger geht es doch viel besser im Tierpark, wo er Auslauf hat - warum soll ich ihn da in einen Käfigwagen sperren?" Außerdem, meint Paul, sei der moderne Zirkus in seiner ursprünglichen Form ein reines Pferdetheater mit Artisten gewesen. In Anlehnung an diese Ära ist das Roncalli-Bühnenbild im Stil der 1920er Jahre gehalten. Und auch der Einsatz von Tieren beschränkt sich heute auf edle Rösser. Es gäbe da zwar auch noch Bernhard Pauls Hund - "aber der ist viel zu faul, um Kunststücke zu machen", meint der Zirkusdirektor schmunzelnd.

Wilde Tiere sind keine Besonderheit mehr. Der Verzicht auf wilde Tiere ist heute leichter als früher, glaubt Paul. "1976 hätte es ganz ohne Raubtier- und andere Nummern wohl nicht funktioniert - heute ist die Mentalität eine andere, zumal wilde Tiere ja keine Besonderheit mehr sind." Heute genügt es nicht mehr, ein paar Tiger durch Reifen springen zu lassen, mit Elefanten eine Formation zu bilden oder Schlangenmenschen ihre Körper verbiegen zu lassen. Das Publikum ist um einiges anspruchsvoller geworden, will immer wieder etwas Neues sehen und verlangt vor allem ein wesentlich höheres Tempo. Dem muss auch Bernhard Paul mit seinem Programm Rechnung tragen: "In einer zweieinhalbstündigen Zirkusvorstellung gibt es heute doppelt so viele Nummern wie vor zwanzig Jahren."

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2009-09-18 13:17:00
Letzte Änderung am 2009-09-24 15:22:00

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